Politik : Pflichtübung für die Kulisse

Geschlossenheit ist ein Muss: Die Union stellt in einer früheren Opernwerkstatt ihr Wahlprogramm vor.

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Im beiderseitigen Interesse. Bayerns Regierungschef Horst Seehofer will bei den Landtagswahlen im September vom Glanz der Bundeskanzlerin profitieren. CSU-Sticheleien gegen Angela Merkel dürften vor der Landtagwahl ausbleiben. Foto: Wolfgang Kumm/dpa
Im beiderseitigen Interesse. Bayerns Regierungschef Horst Seehofer will bei den Landtagswahlen im September vom Glanz der...Foto: dpa

Berlin - Fast hätte sich der Präsident erwischen lassen. Es ist mal wieder Beifall angesagt im Dachgeschoss der einstigen Berliner Opernwerkstätten; Norbert Lammert hat ein, zwei Mal geklatscht und dann die Hände sinken lassen. Da blendet eine Kamera die erste Sitzreihe im Saal groß auf die Bühnen-Leinwand. Lammert sieht sich selbst, hebt wie unabsichtlich langsam die Hände und klatscht weiter. Wenn CDU und CSU ihr Wahlprogramm vorstellen, ist Geschlossenheit die oberste Parteibuchpflicht.

Der Präsident des Bundestages ist nicht der Einzige, der eher pflichtgemäß den Claqueur gibt. Am Sonntag haben die Vorstände von CDU und CSU in der Humboldt-Box ihr Wahlprogramm beschlossen. Der Beschluss fiel geschlossen, die Box war es aber auch. Am Montag werden Fernsehbilder nachgeliefert.

Nun ist ein „Kongress“ vor Parteispitzen und geladenen Mitgliedern an sich nicht absurder als die Jubel-Wahlparteitage anderer Parteien. Aber irgendwie fordert der Ort seinen speziellen Tribut. In den Opernwerkstätten wurden bis vor kurzem Kulissen gemalt. Jetzt wird das nächste Schauspiel vorbereitet, mit allen Zutaten – von 127 Seiten Programmbuch über Angela Merkel Superstar bis zum „Vorspiel auf dem Theater“, dargeboten von den Generalsekretären. Hermann Gröhe (CDU) gibt dabei den braven Kerl – „Wir haben viel erreicht, aber es bleibt viel zu tun“ –, Alexander Dobrindt (CSU) den groben Klotz: „Auf dem Rücken der Familien will Rot-Grün die Schulden in Europa bezahlen!“

Die politische Konkurrenz wird in den nächsten zwei Stunden noch öfter die Rolle des Watschenmanns spielen. „Bei uns heißt es: Die Mitte zählt“, kalauert Horst Seehofer, „bei Rot-Grün heißt es: Die Mitte zahlt.“ Auch die anderen Spitzenleute von CDU und CSU, die in kurzen Einspielfilmchen und gestellten Talk- Auftritten zu Wort kommen, wettern gegen „linke Bevormundungspolitik“. Aber die Attacken klingen meist wie Pflichteinlagen. Schließlich fragt selbst Seehofer sarkastisch: „Wer steht uns denn eigentlich gegenüber? Vor was sollen wir eigentlich Angst haben?“

Eine Antwort darauf hat der CSU-Chef freilich selbst kurz davor gegeben: „Die größte Gefahr für die Zukunft lauert im Erfolg der Gegenwart.“ Dass das strahlende Umfragebild und die Schwäche des SPD-Kanzlerkandidaten die Wähler zum Trugschluss verführen könnten, das Rennen sei gelaufen, haben die Strategen der Union selbst schon als Gefahr ausgemacht.

Hessens Regierungschef Volker Bouffier warnt am deutlichsten: „Die Sache ist noch nicht gelaufen!“ Bouffier muss sich am 22. September zusätzlich einer Landtagswahl stellen. So richtig toll sieht es da nicht aus für seine CDU. Aber auch Merkel erinnert am Ende ihrer Rede an „leidvolle Erfahrungen“ und mahnt: „Es kommt auf jede Stimme an!“

Vor allem kommt es auf die Hauptdarstellerin an. Seehofers Stimme sinkt in dramatische Tiefen, als er „eine herausragende Kanzlerin“ preist – er müsse Merkel bloß erwähnen, dann werde es in bayerischen Bierzelten munter. Die Lobhudelei ist durchaus eigennützig. Seehofer will bei seiner Landtagswahl von Merkels Glanz profitieren. Die rituellen Rüpelspiele zwischen den Schwesterparteien sind vom Spielplan gestrichen.

Merkel weiß auch, dass ihre Performance entscheiden wird. Deshalb spricht sie viel von „Stärke“, von „Sicherheit“, von „Gemeinsamkeit“. „Wir wollen das Beste!“, ruft Merkel und stellt sogar in Aussicht, Staatsschulden demnächst zurückzuzahlen. Das klingt wie die trotzige Replik auf den Vorwurf, die Union wolle Wähler mit unbezahlbaren Milliardenversprechen ködern. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat den Verdacht am Morgen erneuert, die Opposition sowieso. Merkel hält dagegen: Sie werde darauf achten, ob im Haushalt Spielräume seien. Den angeblichen Wunschpartner FDP erwähnt sie nicht. Sie nicht, auch sonst keiner.

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