Pharmaindustrie : Diagnose: Wuchernd

Die Ärzteschaft beginnt, sich gegen das allgegenwärtige Marketing der Pharmaindustrie zu wehren. Bei einer ungewöhnlichen Fortbildung für Ärzte schlugen die Mediziner aber auch selbstkritische Töne an.

Rosemarie Stein

BerlinFortbildungen gehören zum Beruf des Arztes. Dabei sind die Wahlmöglichkeiten der Mediziner zahlreich, denn die meisten Veranstaltungen werden von der Arzneimittel- oder Apparateindustrie gesponsert. Besonders ungewöhnlich ist es daher, wenn sich eine Fortbildung wie am Mittwochabend in Berlin eben damit beschäftigt: mit dem Einfluss der Pharmaindustrie.

Anders als hierzulande sei die Diskussion darüber im Ausland, vor allem in den angelsächsischen Ländern, längst voll entbrannt, sagte der Berliner Krebsspezialist Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“. Sie hatte gemeinsam mit der Berliner Ärztekammer und dem unabhängigen Patienten-Informationsblatt „Gute Pillen – schlechte Pillen“ zu der Veranstaltung geladen. Sie war Ausdruck der Tatsache, dass sich langsam auch in Deutschland die Ärzteschaft gegen das allgegenwärtige Marketing zu wehren beginnt, von dem das Gesundheitswesen derart durchdrungen ist, dass man in den USA seit langem vom medizinisch-industriellen Komplex spricht.

Die Mediziner waren durchaus selbstkritisch

Ludwig verwies auf eine Untersuchung des britischen Unterhauses von 2005, in der es hieß, für diese Missstände seien nicht die Arzneimittelfirmen allein verantwortlich, sondern auch die Behörden und die verordnenden Ärzte. Die Ärzte zeigten sich auf der Berliner Veranstaltung selbstkritisch: „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen“ – diese Auffassung vertraten mehrere Mediziner auf dem Podium. Es habe keinen Sinn, immer nur die Pharmaindustrie ins Visier zu nehmen, die schließlich nur ihren Job tue und vor allem andere Ziele habe als die Gesundung der Patienten, lautete der Tenor etlicher Statements. Die Aktionäre seien erst zufrieden, wenn 90 Prozent der Bevölkerung zu lebenslang zu behandelnden Hochdruckkranken erklärt worden seien. Die Erfindung von Krankheiten – dies sei eine von vielen Methoden um den Umsatz zu steigern, bemängelten die Ärzte. Eine andere sei der direkte oder auch subtile Einfluss – auf Forschung, ärztliche Fachliteratur, auf Kongresse und die Fortbildung, die als Marketingmittel fest in der Hand der Industrie sei. „Referenten kann man kaufen“, sagte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Günther Jonitz. Aber nicht Korruption sei das Hauptproblem, sondern das allgemein verbreitete, nicht mehr wahrgenommene Fehlverhalten, sagte der australische Arzt Peter Mansfield, Gründer des internationalen Netzwerks gegen irreführende Arzneimittelwerbung „Health Akepticism“. Er analysierte die vielfältigen psychologischen Methoden des überaus erfolgreichen Pharma-Marketing, das die Effekte neuer teurer Medikamente preise und die Nebenwirkungen herunterspiele.

Die Patienten rücken als Zielgruppe ins Visier der Pharmaindustrie

Ein weiteres Resümee, das die Mediziner auf der Veranstaltung zogen: Zielgruppe für die Industrie seien neben den Ärzten zunehmend auch direkt die Patienten, vor allem über das Internet und die Selbsthilfegruppen. Seit Jahren fordere die Pharmaindustrie von der EU-Kommission die Aufhebung des schon heute oft umgangenen Verbots der Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente direkt beim Patienten, von den Herstellern „Information“ genannt.

Die „Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft“ lehnt dies wie andere Ärzte- und Patientenorganisationen auch entschieden ab. In einer Stellungnahme heißt es, dies würde eine vernünftige Arzneitherapie und damit die Sicherheit der Patienten massiv gefährden. Vielmehr seien die Bemühungen um eine zentrale unabhängige Arzneimittelinformation für Patienten zu unterstützen.

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