Politik : Pierre-Henri Bunel: Französischer Agent soll den Serben Nato-Dokumente zugespielt haben

Eric Bonse

"Ich bin unschuldig. Ich habe weder Frankreich verraten noch die Nato." Dies sagte der ehemalige französische Geheimdienstoffizier Pierre-Henri Bunel im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Bunel wird vorgeworfen, im Herbst 1998 geheime Nato-Dokumente über die geplanten Luftschläge in Jugoslawien an Belgrad weitergeleitet zu haben. Die Affäre hatte Zweifel an der Nato-Treue Frankreichs geweckt. Bunel wurde vom Dienst suspendiert und saß zehn Monate in U-Haft.

Jetzt geht der unauffällige Franzose - goldgeränderte Pilotenbrille, Lederweste, Digitaluhr - zum Gegenangriff über: "Ich klage die US-Administration an, antifranzösisch zu sein." Die Amerikaner seien es gewesen, die 1998 seine Enttarnung im Brüsseler Nato-Hauptquartier bewirkt hätten, so Bunel. Washington habe seine Entlassung anschließend benutzt, um die angeblich proserbische Haltung Frankreichs zu kritisieren.

Bunel zückt einen Kugelschreiber, bittet um ein leeres Blatt Papier. Darauf malt er ein paar Linien, deutet einige Worte an. "Schauen Sie, so sah das Dokument aus, das ich weitergegeben habe. Es enthielt keinerlei Details, es handelte sich um ein sogenanntes "Non-Paper", beteuert der Ex-Offizier. "Außerdem habe ich nicht allein gehandelt." Dasselbe Dokument sei den Serben zuvor schon von Russland, vermutlich aber auch von Griechenland zugespielt worden. Insgesamt existierten von dem Nato-Papier, das mögliche Zerstörungen in Jugoslawien auflistete, mehr als 400 Exemplare, so Bunel.

Doch warum hat er es Belgrad zugespielt? "Ich wollte erreichen, dass sich Serbenführer Milosevic aus dem Kosovo zurückzieht. Milosevic weigerte sich damals, weil er nicht glaubte, dass Frankreich an möglichen Luftschlägen der Nato teilnehmen würde." Um die Serben zu überzeugen, musste Bunel zunächst einen Beweis für seine Glaubwürdigkeit liefern. "Dafür gab ich ihnen das Nato-Papier. Sie konnten militärisch nichts damit anfangen, aber verifizieren, dass es echt war, und dass meine Informationen stimmen."

Sollte diese Darstellung zutreffen, so hätte Bunel in der Tat nicht gegen Nato-Interessen verstoßen - im Gegenteil: Er hätte, typisch Geheimdienstler, auf paradoxe Weise versucht, Milosevic zum Einlenken zu bewegen.

Nachdenklich stimmt allerdings, dass Bunel in Serbien nach dem James-Bond-Ma-növer wie ein Volksheld gefeiert wurde: "Ich bekam sogar Postkarten aus Belgrad", berichtet er nicht ohne Stolz. "Darauf stand: Major Bunel, das serbische Volk dankt Gott für Deine Hilfe." Handelt es sich bloß um ein Missverständnis, oder hat Bunel den Serben letztlich doch geholfen - wenn auch aus "falsch verstandendem Idealismus", wie man im Pariser Verteidigungsministerium glaubt? Der Ex-Kommandant weicht dieser Frage aus. Nicht nur aus Serbien habe er Unterstützung erfahren, sondern auch aus dem Militär- und Geheimdienstmilieu in Paris und Brüssel, betont er.

Die Amerikaner hätten schon 1998 den Krieg im Kosovo gesucht, behauptet der Franzose. Paris sei zwar zum Gewalteinsatz bereit gewesen, habe diesen aber an eine UNO-Resolution binden wollen. Auch heute gehe das Tauziehen hinter den Kulissen weiter, behauptet Bunel. Schließlich sorge auch Milosevic für neuen Streit: Die Amerikaner suchten einen eleganten Abgang für den Serbenführer. Denn im US-Wahlkampf wachse die Kritik am "erfolglosen" Kosovo-Krieg.

Beweise für diese konspirativen Thesen legt Pierre-Henri Bunel jedoch nicht vor. Im Gegenteil: Am Ende des Gesprächs verwischt der Ex-Spion auch noch die letzte, magere Spur. Er zerknüllt den Zettel, auf dem er zuvor "sein" geheimes Nato-Dokument nachgezeichnet hatte - und versenkt ihn auf Nimmerwiedersehn in der Westentasche.

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