Politik : Pieter Siemsen: Der Lebensanfänger: Ein deutsches Leben

Erich Hackl

Auf "Erinnerungen eines anderen Deutschen" sind wir allemal neugierig, zumal dieser andere Deutsche - Pieter Siemsen - auf acht Jahrzehnte zurückblicken kann und in einer außergewöhnlich couragierten Familie aufgewachsen ist. Sein Onkel Hans Siemsen schrieb zarte Erzählungen über Kinder und arme Leute, seine Tante Anna war als Pädagogin, Publizistin und Politikerin ebenso bedeutend wie Pieters Vater August; beide waren Reichstagsabgeordnete der SPD und Mitbegründer der Sozialistischen Arbeiterpartei, ehe sie vor den Nazis in die Schweiz fliehen mussten. August emigrierte weiter nach Argentinien, Hans Siemsen gelangte über Frankreich in die USA.

Von ihnen spricht Pieter Siemsen mit großer Wärme. Er sieht sich als halb missratener Sohn, der das Glück seiner Herkunft nicht zu nützen verstand. "Ich glaube, ich bin nie ganz reif geworden in meinem Leben. Vielmehr gehöre ich zu jenen nicht gerade glücklichen Früchten, die erst zu reifen beginnen, wenn sie am Verwelken sind."

Kindheit und Jugend in der Weimarer Republik. Besuch der Karl-Marx-Schule in Neukölln. 1933 Flucht in die Schweiz, im Jahr darauf wegen "Belastung des Arbeitsmarktes" ausgewiesen. Militärdienst in Nazi-Deutschland, Verbindung zu Widerstandskämpfern. 1937 Emigration nach Buenos Aires, dort aktiv in dem von seinem Vater getragenen Exilbündnis "Das Andere Deutschland". 1952 Rückkehr nach Berlin, 1954 Übersiedlung in die DDR, tätig als Redakteur, Spanischlehrer, Übersetzer.

Politik hat also sein Leben geprägt. Trotzdem sind das keine politischen Memoiren, oder nicht nur: Siemsens Erinnerungen drehen sich um die versäumten Gelegenheiten, die Situationen, in denen er falsche Entscheidungen getroffen hat: Das Schuleschwänzen und Sitzenbleiben; das Unvermögen, auf Zuwendung angemessen zu reagieren; der Schlendrian des jungen Ehemannes; der Entschluss, das geliebte Exilland zu verlassen; die Bemühungen, in die DDR zu gelangen, wo für ihn "der rote Stern des Sozialismus" leuchtet; der Glaube, dann die Gewöhnung an den "realen Sozialismus", in dem der von seinem Vater tief verachtete preußische Untertanengeist weiterlebt.

Ein bitteres, manchmal auch selbstgerechtes Buch. Aber es heischt nicht um Trost. Außerdem ist sein Verfasser aufrichtig genug, uns die komischen Seiten seines Kampfes gegen Windmühlen oder Riesen nicht vorzuenthalten. So etwa sehen wir ihn am 1. Mai 1953 in West-Berlin, wo er mit vier anderen Remigranten aus Argentinien hinter einem Transparent hergeht, auf dem steht: "Wir bitten um Aufnahme in die DDR!" Oder wir hören neun Jahre früher, in einem Standesamt irgendwo in Uruguay, wo er seine erste Frau ehelicht, seinen Vater Goethes "Wanderers Nachtlied" rezitieren (auf Wunsch des Bräutigams), und es scheint uns, wie der befremdet schweigenden Hochzeitsgesellschaft, dass das Gesicht dem Anlass nicht ganz entspricht: "... warte nur, balde ruhest du auch." Oder wir sehen Pieter, wieder in Berlin, hektisch nach einer ostdeutschen Ehepartnerin suchen, die es ihm ermöglichen würde, sich in der DDR niederzulassen, und da hat er in einer Laubenkolonie eine junge Kriegerwitwe gefunden, die im Westteil der Stadt anschaffen geht, er hält ihr große Vorträge über die verlogene Moral der oberen Stände, das findet die Frau einfach "dufte", aber dann wird doch nicht geheiratet.

Glanzstücke des "Lebensanfängers" sind die Kapitel über Argentinien: Siemsen lässt die Leser teilhaben an den Erkundungen eines noch biegsamen jungen Menschen in einer neuen Gesellschaft. Es ist, als hätte er in Argentinien, und da unter den einfachen Menschen, seine Seelenlandschaft und seine Seelenverwandten gefunden; möglich aber auch, dass er den Ort seiner Verbannung unter dem Eindruck späterer Enttäuschungen besonders positiv wahrnimmt.

Nelli Meffert, die Frau des Malers und Grafikers Clément Moreau, hat Argentinien einmal als ihr "Heimwehland" bezeichnet, das Wort könnte auch von Pieter Siemsen stammen. Sein Leben in der DDR beschreibt er jedenfalls viel weniger anschaulich, vielfach mit dem Gestus des hinters Licht Geführten, und zwar von Anfang an. War er mit Blindheit geschlagen? So leicht darf man es sich bei der Beurteilung seiner Entscheidung nicht machen. Als einer, der sich dem "anderen Deutschland" verpflichtet fühlte, wollte er zurück, zumal "ich als Familienvater in Argentinien gescheitert war, und beruflich sah ich auch wenig Perspektiven".

Blieb also nur die Wahl zwischen BRD und DDR. Zwei Jahre pendelte Siemsen zwischen Osnabrück und Berlin. "Je mehr ich mich im Westen umsah, Neues zu entdecken, neues Denken, neue Bewegung, neue Horizonte, umso mehr musste ich feststellen, dass alles beim Alten geblieben war. Die gleichen Bürger, die gleichen Kleinbürger, die gleichen Spießbürger, die gleiche Arbeiterschaft, die gleichen Mentalitäten, die gleiche Kirche, die gleiche Gesellschaft, die gleiche Unbelehrbarkeit, wie ich sie schon aus Zeiten der Weimarer Republik kannte."

Wahrscheinlich musste die DDR da einem überzeugten Sozialisten tatsächlich als verheißungsvoll erscheinen. In Siemsens Erinnerungen hält sie freilich nur in einem Punkt der Kritik stand: im privaten Glück. Die Liebe zu Lilly Heyde, seiner dritten Frau, versöhnt ihn zwar nicht mit der DDR, in der er diese Liebe gefunden hat, verhilft dem Leser aber zu einer rührenden Hommage an eine tapfere Frau. Im Juni 1958, als er Lilly zum ersten Mal traf, war Pieter Siemsen schon 41 Jahre alt. Und doch scheint die Beziehung zwischen ihnen durch die Worte bestimmt, die das Mädchen Judith an den halbwüchsigen Heinrich, in Gottfried Kellers Roman, gerichtet hatte: "Ich liebe in Dir den Mann, der Du einmal sein wirst."

Von Siemsens Versäumnissen war schon die Rede; eine dieser Verfehlungen, die ihn jetzt, im hohen Alter, schmerzen, betrifft seinen Schwiegervater, zu dessen Verabschiedung er nicht erschienen war. Insgeheim hatte er sich um die Grabrede drücken wollen. Pieter Siemsen heute: "Aber ist es im Grunde nicht egal, ob man am Grabe eines Menschen noch ein paar Worte sagt, die er doch nicht mehr hören kann? Wichtig ist, dass man ihn im Leben würdigt. Muss einer denn immer erst tot sein, damit man ihn am Leben lässt?" Sein Wort in mein Ohr.

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