• Pino Arlacchi, Generaldirektor der UN-Antidrogenbehörde, über neue Konzepte zur Rauschmittel-Kontrolle

Politik : Pino Arlacchi, Generaldirektor der UN-Antidrogenbehörde, über neue Konzepte zur Rauschmittel-Kontrolle

Bisher haben internationale Programme zur Verminde

Pino Arlacchi (49) gilt weltweit als einer der führenden Mafia-Experten. 1998 wurde er an die Spitze des UN-Büros für den Kampf gegen den Drogenmissbrauch (UNDCP) in Wien berufen.

Bisher haben internationale Programme zur Verminderung der Rauschgiftproduktion keinen sonderlichen Erfolg gehabt. Wie wollen Sie mit Ihrem Programm UNDCP sicherstellen, dass es diesmal besser klappt?

Wir haben in den letzten Jahren mit einer Reihe kleinerer Programme begonnen, um herauszufinden, wo und wie wir ansetzen müssen. Wir sind jetzt in der Lage, die großen Projekte durchzuführen, für die wir dann auch hohe Summen einsetzen können.

Kann man das an einigen Beispielen klarmachen?

Ich nenne zwei Initiativen, die von Erfolg gekrönt waren: Pakistan und Thailand. Dort haben wir die illegale Rauschmittelproduktion faktisch auf Null gebracht.

Sind die Maßnahmen, die in Pakistan und Thailand angewandt wurden, auf Afghanistan übertragbar?

Aus den Erfahrungen in Thailand und Pakistan haben wir einiges gelernt. Zum ersten: Es genügt nicht, den Bauern einfach nur alternative Anbauprogramme anzubieten. Unsere Initiativen müssen den ganzen Lebensraum der Menschen betreffen. Auf einem Gutteil der Anbauflächen in Afghanistan könnte zum Beispiel, wie früher, wieder viel Getreide gesät werden - nur muss man dazu die im Krieg meist total zerstörten Bewässerungsanlagen wieder in Stand setzen. Ebenso müsste man gute Verbindungswege schaffen, infrastrukturelle Sanierungen durchführen, kleine eigenständige Industrien aufbauen.

Das sind aber Maßnahmen, die einem langen Atem benötigen. Vielen wird der schnelle Gewinn mit dem Schlafmohn attraktiver erscheinen.

Richtig. Deshalb muss man zum zweiten sehr, sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Ich pflege den Bauern zu sagen: Ihr müsst selber wählen: wollt ihr den schnellen Verdienst, aber mit unkalkulierbaren Risiken, weil ihr euch auf rein kriminellem Gebiet befindet und in Bandenkriege verwickelt werdet? Oder wollt ihr einen bescheidenen, aber sicheren Ertrag, den ihr und eure Kinder auch genießen werdet, weil wir gleichzeitig Straßen bauen, Krankenhäuser errichten, Schulen schaffen, die eure Wirtschaft weiter stärken werden. Viele stimmen dieser Richtung zu. Wir hoffen so, die Mohnproduktion in Afghanistan innerhalb der nächsten fünf Jahre weitgehend zu beseitigen. Aufwenden müssten wir dafür etwa 25 Millionen Dollar pro Jahr. Danach sind weitere fünf Jahre von Nöten, die aufgebauten Alternativen zu konsolidieren.

Neben der Frage der Produktion ist da aber auch noch das Problem des Handels, der sich unkontrolliert über die Nachbarländer Afghanistans abspielt.

Hier müssen wir, solange die Produktion in Afghanistan weiterläuft, einen "Sicherheitsgürtel" schaffen. Das heißt, wir verstärken die Grenzkontrollen zu allen Nachbarstaaten Afghanistans, bilden entsprechende Experten aus, stellen zusätzliche Mittel bereit. In Tadschikistan etwa haben wir den Aufbau einer eigenen Anti-Drogen-Behörde bereits abgeschlossen

Was kann Europa, hauptbetroffen in Sachen Heroin, ausrichten?

Was den Sicherheitsgürtel angeht, gäbe es keine besonderen politischen Hindernisse, allerdings haben wir nicht mehr viel Zeit. In Grenznähe werden derzeit riesige Drogen-Depots aufgebaut, die die Welt selbst nach einem totalen Anbaustopp noch Jahre mit Rauschmitteln versorgen könnten.

Welche Rolle könnte Deutschland bei einer Gesamtlösung des Problems spielen?

Eine sehr große. Deutschland weist von allen europäischen Ländern die größte Präsenz in Asien auf, hatals einziger Staat einen eigenen festen Botschafter in Tadschikistan. Zudem sind die Deutschen in Sachen Rauschgift recht hellhörig. Ich habe mich mit Beamten des Bundeskriminalamtes getroffen, die eine hervorragende Kenntnis der aufgeworfenen Probleme zeigen.Das Interview führte Werner Raith

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