Pinochet : Ex-Diktator ringt weiter mit dem Tod

Mit eiserner Härte hielt sich Augusto Pinochet 17 Jahre lang in Chile an der Macht. Belangt werden konnte er für seine Verbrechen nie. Jetzt ringt der einstige Gewaltherrscher nach einem Herzinfarkt mit dem Tod.

Santiago de Chile - Das Schicksal seines Vaters liege in Gottes Hand, sagte Pinochets jüngster Sohn Marco Antonio. Laut einem Sprecher der Familie erhielt der 91-Jährige in einem Krankenhaus von Santiago bereits das katholische Sterbesakrament der letzten Ölung. Mit der Lebenskraft des Generals schwinden auch die Hoffnungen, dass er sich eines Tages für die während seiner Militärdiktatur zwischen 1973 und 1990 verübten schweren Menschenrechtsverletzungen vor Gericht verantworten muss.

"Ohne mein Wissen bewegt sich in Chile nicht einmal ein Blatt", sagte Pinochet, als er in seiner Heimat noch etwas zu sagen hatte. Er selbst betrachtete sich als Retter des Vaterlandes vor dem Kommunismus. An seinem 91. Geburtstag am 25. November zeigte sich der 1915 geborene Pinochet zum bislang letzten Mal der Öffentlichkeit. Der einstige Diktator saß in einem Rollstuhl vor seiner Villa und winkte seinen versammelten Anhängern zu. In einer von seiner Frau verlesenen Erklärung übernahm er die politische Verantwortung für das Geschehen nach dem Putsch. Gewohnt uneinsichtig fügte er hinzu, er hege trotz der ihm zugefügten "Verfolgungen und Ungerechtigkeiten" keinen Groll gegen andere.

Bislang keine Bestrafung für Gewaltherrschaft

In Pinochets Regierungszeit wurden Schätzungen zufolge etwa 3000 Menschen getötet, viele verschwanden spurlos. Laut einem offiziellen Bericht wurden bis zu 30.000 Pinochet-Gegner eingesperrt und gefoltert. Juristisch konnte der Diktator jedoch nicht zur Verantwortung gezogen werden: Immer wieder wurde er aus gesundheitlichen Gründen für verhandlungsunfähig erklärt, wurden Verfahren gegen ihn vorläufig eingestellt.

Dass ausgerechnet Pinochet Drahtzieher der Putschisten wurde, die am 11. September 1973 den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stürzten, war für viele damals eine Überraschung. Der Sprössling eines Zollbeamten galt als eher einfältig, die militärische Laufbahn war für ihn ursprünglich nur eine Notlösung: Wegen mangelnder Disziplin war er von der staatlichen Schule geflogen, auch in der Privatschule versagte er kläglich. Die Aufnahme in die Militärschule schaffte Pinochet als 17-Jähriger erst im dritten Anlauf.

Putsch mit CIA-Unterstützung

Als Allende am 4. September 1970 die Präsidentschaftswahl gewann, erhielt Pinochet den Dienstgrad eines Generals. Im August 1973 schlug ihn dann der scheidende Heereschef Carlos Prats als "loyalen" Nachfolger vor. Keine drei Wochen später putschte Pinochet mit Unterstützung der CIA gegen den Präsidenten. Unnachgiebig ging der Diktator in der Folgezeit gegen erklärte und vermeintliche Sozialisten vor. Er löste das Parlament auf, verbot die Arbeit politischer Parteien und Gewerkschaften und ordnete die Verhaftung seiner Gegner an. Im Dezember 1974 erklärte sich Pinochet zum Präsidenten, per Plebiszit ließ er die von ihm erlassene Verfassung 1980 absegnen.

Seine Anhänger schätzen Pinochet, weil er neoliberale Wirtschaftstheorien durchsetzte und Chile ein in Lateinamerika beispielloses Wachstum bescherte. Mit einem zweiten Plebiszit wollte Pinochet der Welt 1988 beweisen, dass das Volk hinter ihm stand. Doch 53 Prozent der Wähler sagten "No" zu einer weiteren Amtszeit. Im Dezember 1989 unterlag Pinochet bei der Präsidentschaftswahl gegen den Christdemokraten Patricio Aylwin. Er blieb jedoch bis zum März 1998 Heereschef und wurde Senator auf Lebenszeit.

Im Oktober 1998 dann wurde Pinochets auf Antrag Spaniens in London unter Hausarrest gestellt. Aus Gesundheitsgründen ließ ihn Großbritannien nach 503 Tagen frei. Mit der Rückkehr nach Chile im Jahr 2000 begann ein jahrelanges juristisches Tauziehen. Noch im November wurde Pinochet wegen der Ermordung von Gegnern der Militärjunta erneut unter Hausarrest gestellt. Doch einer Verurteilung könnte sich der Ex-Machthaber durch seinen Tod nun für immer entziehen. (tso/AFP)

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