Politik : Pioniere einer neuen Entwicklungszusammenarbeit mit Konfliktländern

Michael Streck

Sie tragen den verheißungsvollen Namen "Friedensfachkräfte" und sollen ehemalige Feinde versöhnen und zwischen Konfliktparteien vermitteln. Mit Hilfe des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) werden zurzeit 14 Fachkräfte für diese besondere Mission ausgebildet. Noch dieses Jahr sollen die Ersten von ihnen in Einsatzgebiete nach Afrika und Lateinamerika ausreisen. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul stellte sie in dieser Woche in Berlin als "Pioniere" eines zivilen Friedensdienstes offiziell vor. Da es Ziel der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik sei, gewalttätige Konflikte zu verhindern, so die Ministerin, unterstütze das BMZ den Aufbau des Modellvorhabens.

Friedensfachkräfte sind Entwicklungshelfer mit einer speziellen Zusatzausbildung. Vier Monate lang werden sie in einem Trainingsprogramm auf ihren besonderen Einsatz vorbereitet. Sie üben Mediation, Konfliktmanagement, Kommunikation und werden im persönlichen Umgang mit Konfliktparteien geschult. Der Name "Friedensfachkraft" ist jedoch unter den Ausgebildeten umstritten, da er wenig über die vielfältigen Anforderungen und Aufgaben aussagt. Verena Blickwede bereitet sich momentan auf ihre Arbeit im Kosovo vor. Das Spektrum ihrer zukünftigen Tätigkeit reicht von der Betreuung von Flüchtlingen über den Aufbau lokaler Handwerksbetriebe bis hin zur Gründung von Selbsthilfegruppen zur Behandlung psychischer Kriegsschäden. Kooperationpartner vor Ort ist das Kolpingwerk Albanien.

"Ich weiß durch meine Erfahrungen in Guatemala und Mexiko, wie schwierig Versöhnungsprozesse sind und wie wichtig der Faktor Zeit ist", erklärt Blickwede. Seit 1994 beschäftigt sich die 30-jährige Geografin mit Fragen der Vor- und Nachsorge von Konflikten. So schrieb sie ihre Magisterarbeit zum Thema "Rückkehr und Reintegration der Bürgerkriegsflüchtlinge in Guatemala" und arbeitete in Mittelamerika als internationale Friedensbeobachterin. Dort hätte sie die Menschenrechtsarbeit der katholischen Kirche schätzen gelernt und sich daher entschieden, mit der kirchlichen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e.V. (AGEH) zusammenzuarbeiten. Von ihr wurde sie für den Zivilen Friedensdienst vorgeschlagen.

Anerkannte Organisationen der Entwicklungshilfe wie die AGEH oder der Deutsche Entwicklungsdienst qualifizieren die Fachkräfte in Zusammenarbeit mit einem von der Bundesregierung geförderten Ausbildungsprogramm. Da diese oft eine genauere Kenntnis der Situation in den Krisengebieten haben, schlagen sie dem BMZ sinnvolle Einsatzorte für den Zivilen Friedensdienst vor.

In der traditionellen Entwicklungszusammenarbeit ging es bislang vordergründig nicht um Konfliktbewältigung, sondern um technische Hilfe oder Armutsbekämpfung. Neu im entwicklungspolitischen Konzept der Bundesregierung ist der gezielte Einsatz in Krisenregionen, um zwischen unterschiedlichen Interessen- oder Konfliktgruppen zu vermitteln. Ministerin Wieczorek-Zeul möchte mit dem Zivilen Friedensdienst zu einer "Kultur der Prävention" beitragen, wie sie UN-Generalsekretär Kofi Annan gefordert hat. Auch wenn Vorsorge das erklärte Ziel ist, werden die ersten Friedensfachkräfte jedoch in Versöhnungs- und Wiederaufbauprojekten beteiligt sein.

Über Gesamtprogramm und Einsätze des Zivilen Friedensdienstes entscheidet das BMZ zusammen mit dem Auswärtigen Amt und den beteiligten Nichtregierungsorganisationen nach der Zustimmung des betreffenden Partnerlandes. In diesem Haushaltsjahr stehen 5 Millionen Mark für die Projekte zur Verfügung. 18 Projektanträge sind bisher bewilligt worden. Neben dem Kosovo gehören dazu Vorhaben in Israel, Simbabwe und Ost-Timor. Langfristig soll der Zivile Friedensdienst bis zu 100 Fachkräfte umfassen, welche die Bundesregierung auch zur Unterstützung mulitlateraler Missionen der OSZE und der UN einsetzen kann.

Die Unionsparteien kritisierten unterdessen, dass der von der Bundesregierung als entwicklungspolitische Innovation vorgestellte zivile Friedensdienst nichts Neues sei, sondern nur unter neuem Namen altbewährte Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit verkaufe. Alle von diesen Fachkräften durchzuführenden Projekte hätten genauso gut aus den bisherigen Haushaltstiteln des Bundesministeriums finanziert werden können, sagten der entwicklungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Klaus-Jürgen Hedrich und der zuständige Berichterstatter, Peter Weiß (beide CDU), am Mittwoch in Berlin.

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