Pisa : Gesamtnote: befriedigend - Chancengleichheit: mangelhaft

Die neue Pisa-Studie zur Bildung in Deutschland lässt Fortschritte erkennen - nur nicht bei Migranten. Die Jugendlichen der "zweiten Generation" hätten es so schwer wie sonst in keinem anderen OECD-Land, belegt die Studie.

Diana Wild[ddp]
Migranten
Ungleiche Chancen: Kinder von Einwanderern haben es oft ungleich schwerer als Deutsche. -Foto: dpa

BerlinDer Leiter des Berliner OECD-Büros, Heino von Meyer, zieht eine sorgenvolle Miene: "Die Chancengleichheit bleibt ein Problem des deutschen Schulsystems", konstatiert er bei der Präsentation der Pisa-Studie mit Blick auf die Kinder von Zuwanderern. Die Kluft zwischen den getesteten 15-Jährigen sei die größte aller OECD-Länder. Experten werten die jüngste Pisa-Studie als Beleg für die sozialen Gräben in Deutschland.

Am tiefsten verlaufe die Kluft zwischen einheimischen Jugendlichen und jenen der "zweiten Generation" aus Migrantenfamilien: 93 Pisa-Leistungspunkte trennten die beiden Gruppen voneinander, zählt von Meyer auf. Dies entspreche dem Schulwissen von zweieinhalb Jahren. Diese Zuwandererkinder wuchsen schon in Deutschland auf und gingen von Anfang an hier zur Schule. Von Meyer mahnt dennoch ein "bedenkliches Integrationsdefizit" an. Die Kinder seien "doppelt benachteiligt", weil sie häufig aus einem sozioökonomisch schwachen Milieu kämen.

Deutsch als Schlüssel zum Bildungssystem

Das deutsche Pisa-Konsortium beziffert den Anteil der Jugendlichen aus der "zweiten Generation", die sich zu Hause auf Deutsch unterhalten, auf nur 45,5 Prozent. Hier müsse man so früh wie möglich gegensteuern, fordert Hannover. Der verbindliche Deutschtest für alle Kinder sei bereits ein "guter Ansatz". Nur die Sprachförderung finde "in der Realität kaum statt", weil Erzieherinnen dies nicht leisten könnten. "Hier muss ein neues Konzept her", verlangt die Psychologin und schlägt eine Vorschule mit Sprachförderung durch Lehrer vor.

Der Erwerb der deutschen Sprache hängt laut Hannover vom Herkunftsland der Eltern ab. Türkische Familien sprächen miteinander häufig ihre Sprache, weil sie einst mit dem Vorhaben ins Land gekommen seien, wieder in die Türkei zurückzukehren. Dagegen integrierten sich osteuropäische Migranten sprachlich meist viel schneller. Die meisten ausländischen Eltern wollen Hannover zufolge zwar eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Aber "viele Eltern wissen gar nicht, was das alles voraussetzt", vermutet die Wissenschaftlerin. Hier müsse man aufklären. Die Pisa-Studie belege klar, "dass das deutsche Schulwesen sozial ungerecht ist".

Von Meyer kritisiert überdies, dass in keinem anderen OECD-Land so große Bildungsunterschiede in den einzelnen Schulformen herrschen wie hierzulande. Fast 40 Prozent der Hauptschüler wurden im Testschwerpunkt Naturwissenschaften in die niedrigsten, als "kritisch" bezeichnete Kompetenzstufe eingeordnet. Bei den Realschülern liegt der Anteil nur bei 5,5 Prozent. Die sozialen Umstände im Elternhaus spielten in Deutschland immer noch eine zu große Rolle für die Schulbildung, moniert auch er.

Der Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums, Manfred Prenzel, sieht dagegen im Vergleich zur ersten Pisa-Studie 2000 den Zusammenhang von Elternhaus und Leistungen abgeschwächt. Nach Ergänzungsuntersuchungen seines Konsortiums haben vor allem bei der Lesekompetenz Jugendliche aus "bildungsfernen Milieus" aufgeholt. Dennoch sei der Unterschied der Kinder aus verschiedenen Schichten mit 83 Pisa-Leistungspunkten Differenz immer noch zu hoch.

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