Plagiatsaffäre der Bildungsministerin : Annette Schavan: Die graue Unbekannte

Aus dem Kabinett Merkel sticht Annette Schavan nicht heraus. Bislang hat ihr das nicht geschadet, da sie eine Vertraute der Kanzlerin ist. Doch mit der Blamage um ihren Doktortitel wird sie plötzlich zur Gefahr. Jetzt könnte sie ihrer Partei einen letzten Gefallen erweisen.

von
Bis ins Mark getroffen. So fühlt sich Annette Schavan durch die Plagiatsaffäre. Es geht um ihr Selbstverständnis als Tadellose.
Bis ins Mark getroffen. So fühlt sich Annette Schavan durch die Plagiatsaffäre. Es geht um ihr Selbstverständnis als Tadellose.Foto: Johannes Eisele / AFP

Ausgerechnet „Person und Gewissen“! Hätte sie sich nicht irgend was Unverfängliches vornehmen können, irgendwas mit kognitiver Evaluation oder depravierter Dissonanz oder einem anderen dieser aufgeplusterten Modewörter der Erziehungswissenschaften in den 80er Jahren? Hätte sie, wenn sie nicht Annette Schavan wäre.

Immer gleich hoch hinaus, im Geiste wenigstens nach den Sternen greifen ... „Person und Gewissen“, ein Jahrhundertthema für eine Doktorarbeit, mehr als würdig einer späteren Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft. Und jetzt steht sie plötzlich da, die Person, und muss ihr Gewissen befragen; bloß anders als gedacht.

Am Tag danach herrscht erst mal eine Art dröhnendes Schweigen. In Berlin ist eh nicht viel los in der Woche vor Karneval, die halbe politische Prominenz auf Auslandsreise, auch die Ministerin Schavan absolviert gerade eine Fünf-Tage-Tour in Südafrika, die für die deutsche Wissenschaft bestimmt wichtig ist.

Aber natürlich haben alle in den Spätnachrichten den Professor Doktor Bruno Bleckmann angesehen, wie er das Urteil verkündete. Bleckmann ist Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Das triste Betongrau um ihn herum lässt die Worte noch schärfer wirken, die der Mann mit dem markanten Stoppelhaarschnitt hervorstößt: „Systematisch und vorsätzlich“ habe die Doktorandin Schavan von anderen Autoren abgeschrieben, ohne das kenntlich zu machen - „gedankliche Leistungen, die sie in Wirklichkeit nicht selber erbracht hat“. Plagiat. Entzug des Doktortitels – zwölf Stimmen dafür im Fakultätsrat, zwei dagegen, eine Enthaltung, klares Votum.

Aberkannt. Professor Bruno Bleckmann verkündet die Entscheidung des Düsseldorfer Fakultätsrats. „Systematisch und vorsätzlich“ habe Schavan abgeschrieben.
Aberkannt. Professor Bruno Bleckmann verkündet die Entscheidung des Düsseldorfer Fakultätsrats. „Systematisch und vorsätzlich“...Foto: Marius Becker / dpa

Schavans Anwälte kündigen Klage vor dem Verwaltungsgericht an. Sie schreiben etwas von Verfahrensfehlern und nicht gewahrter Verhältnismäßigkeit. Die Opposition fordert den Rücktritt. Ein paar CDU-Abgeordnete twittern hilflos zornige Sätze. Der Unionsfraktionsvize Michael Kretschmer empört sich über die Universität und das Verfahren. Aber wichtig ist nicht, wer redet. Wichtig ist, wer erst mal schweigt. Nämlich jeder, der in CDU und CSU Rang und Namen hat.

Das hat etwas mit der Sache an sich zu tun, aber auch mit der Person. Annette Schavan ist einer breiteren Öffentlichkeit bestenfalls als die kleine graue Unauffällige bekannt, die vermutlich seit Ewigkeiten die bundesdeutsche Forschungspolitik vertritt. In der Union weiß jeder, dass sie viel mehr ist. „Merkel-Vertraute“ heißt das Etikett, das in ihrem Fall stimmt. Die sichtbarste Bestätigung dafür lieferte ausgerechnet ein Bild, das die Kanzlerin und ihre Ministerin in triumphalem Einverständnis nebeneinander zeigte, zwei Schulmädchen, die es den Jungs gezeigt hatten: Merkel, wie sie Schavan ihr Handy zeigt, beide grinsen, und ziemlich genau im gleichen Moment kündigt in Berlin Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt an. Das Bild war damals schon unklug.

Heute schlägt es zurück, so wie der Satz, mit dem Schavan seinerzeit dem Plagiator Guttenberg den politischen Todesstoß versetzt hat: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich.“

Jeder – inklusive Guttenberg – las das sofort als Botschaft in Merkels Auftrag. Schavan hat sich in ihren 14 Jahren als CDU-Vizevorsitzende nur selten zu Themen außerhalb ihres engsten Fachbereichs geäußert. Jedes Mal wirkte es wie Sperrfeuer für die Vorsitzende.

Das hat übrigens sehr früh angefangen, noch zu Zeiten, als an eine Parteivorsitzende und Kanzlerin Merkel nur sehr wenige dachten. Zum Beispiel an jenem denkwürdigen Wochenende im Februar 2000, als die CDU-Spitze zur Klausur in Norderstedt beisammensaß und Schavan einen Zeitungsbericht hervorzog, in dem zu lesen war, dass der rachsüchtige Spendensünder Helmut Kohl einen Putsch gegen den Parteichef Wolfgang Schäuble plane und seinen Vertrauten Jürgen Rüttgers an die Parteispitze bugsieren wolle.

50 Kommentare

Neuester Kommentar