Plagiatsaffären : "VroniPlag" und die Jäger des verlogenen Satzes

Erst Guttenberg, dann Koch-Mehrin – und die Frage: Was soll da noch kommen? Die Menschen hinter "VroniPlag" sagen: das ganze Ausmaß des Betrugs.

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Errötet. So sah in der „VroniPlag“-Darstellung die Dissertation des FDP-Politikers Chatzimarkakis am 8. Juni aus, die beanstandeten Stellen sind rot markiert.
Errötet. So sah in der „VroniPlag“-Darstellung die Dissertation des FDP-Politikers Chatzimarkakis am 8. Juni aus, die...

Gegen Ende der Woche, an deren Anfang sie auf 2,9 Millionen Zeitungstitelseiten zur Verliererin erklärt wurde, läuft Debora Weber-Wulff in einem weißgestrichenen Seminarraum umher und unterrichtet 20 Wissbegierige darin, so zu werden wie sie. Sie sagt, die fundamentalste Voraussetzung dafür sei, mit Google umgehen zu können.

„Verlierer des Tages“ ist sie gewesen, auf der ersten Seite der „Bild“-Zeitung von Montag, dem 23. Mai. „Als ,Wise-Woman‘ jagt sie Plagiatoren bei ,vroniPlag‘ im Internet:“, stand da, „Debora Weber-Wulff (53), Dekanin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft“.

Es ist Samstagabend in Berlin, die „Lange Nacht der Wissenschaften“ ist im Gange. Die Hochschulen und Forschungsbetriebe der Stadt haben ihre Türen für das Volk aufgemacht, und 30 000 Menschen sind gekommen. Die 20, die in dem weißen Seminarraum der Hochschule für Technik und Wirtschaft vor Computern Platz genommen haben, hören Weber-Wulff gerade von einer Begebenheit im Zug erzählen, ein paar Tage erst ist sie her. Eine Abteilnachbarin habe sie angesprochen, „Sie sind die Guttenberg- Frau!“ - „Ja, die bin ich, obwohl, ich bin nicht blond, habe ich gesagt“, sagt Weber-Wulff. Weber-Wulff ist brünett, 54, Informatikprofessorin und Dekanin. Unter dem Pseudonym „WiseWoman“ Teil der Gedankendiebstahl-Nachweisgemeinde, die sich auf den Webseiten „GuttenPlag“ und „VroniPlag“ zusammengetan und bisher die Doktorarbeiten von Karl-Theodor zu Guttenberg, von Edmund Stoibers Tochter Veronika Saß, den beiden FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Georgios Chatzimarkakis, dem FDP-Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai und dem baden-württembergischen CDU-Landtagsabgeordneten Matthias Pröfrock überprüft, mehr oder weniger flächendeckende Abschreibereien gefunden und dies dokumentiert hat.

54, VroniPlag, WiseWoman, ein Lebensjahr und ein Großbuchstabe mehr also, als im „Bild“-Zeitungs-Artikel zu lesen war, ein Bindestrich weniger. Fehler wie diese, lernen die 20 Menschen im Raum, falsche Zahlen, Satzzeichen und Buchstaben und das, wozu sie sich zusammensetzen, zum Beispiel zu dem im Artikel zusammenkonstruierten Vorwurf, sie habe etwas mit der angeblichen Vertuschung eines Plagiatsfalles an ihrer Hochschule zu tun, gehören zu den besten Spuren, die ein irgendwo abgeschriebener Text für Weber-Wulff zu bieten hat.

Sie zeigt es ihren Zuhörern an Beispielen. Es gilt, ein paar vorbereitete, kurze Aufsätze zu lesen, über Henning Mankell, Mikrobrauereien, Square Dance, Avignon, und herauszufinden, ob es sich dabei um Plagiate handelt. In einem der Texte ist das Wort Benzin falsch geschrieben, das erste N fehlt, Bezin, wer das neben ein, zwei anderen außergewöhnlichen Worten oder Formulierungen von Google suchen lässt, stößt sofort auf den Originaltext, aus dem abgeschrieben worden ist. Die Leute sind begeistert, so einfach sei das, sagen sie. „Nun ja“, sagt Weber-Wulff, auch sie freut sich, so sehr, dass ihr Gesicht mit jedem Erfolgserlebnis ihrer Zuhörer roter wird. Das Gesicht der Doktorarbeitenprüfer aus dem Internet. Eine kleine runde Frau, die als Einzige aus dieser Schar namentlich bekannt ist und nun von Tisch zu Tisch geht und Lobe verteilt. Suchmaschinen fänden sehr viel, sagt sie, kaum ersetzbar seien sie, aber natürlich fänden sie nicht alles, im Internet müssten die Originale schon stehen dafür. Man brauche noch so eine Art Gespür und Ausdauer und am Ende dann doch so viel Wissen, dass die Plagiatsforschung längst zu einem Teil von Weber-Wulffs Berufsleben geworden ist.

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