Politik : Planen für die Massenflucht

UN-Experten bereiten sich auf Versorgung von 900 000 Irakern vor

Ruth Ciesinger

Offenbar erwarten auch die UN, dass es zu einem Irak-Krieg kommen wird. Mitarbeiter bestätigten einen Bericht der Londoner „Times“ über einen Notfallplan, der bei einem Militärschlag von etwa 900 000 Flüchtlingen, einem Stopp der Ölförderung und dem Zusammenbruch des irakischen Elektrizitätssystems ausgeht. Weiter wird vermutet, dass die schwersten Kämpfe um Bagdad herum stattfinden werden, dass es aber trotzdem mindestens einen Monat dauern werde, bis UN-Helfer zu den Schiiten im Süden des Landes vordringen könnten.

Von den erwarteten 900 000 Flüchtlingen bräuchten etwa 100 000 sofort Hilfe, schätzt die Welt-Ernährungs-Organisation. Man habe damit begonnen, Hilfslieferungen zusammenzustellen. Mitte Dezember hatten die UN bereits bei verschiedenen Staaten um rund 37 Millionen Dollar Hilfen gebeten. Und Washington macht offenbar Druck auf die UN, sich auf eine humanitäre Krise im Irak einzustellen. Dabei sind jetzt schon viele Iraker von Lebensmittellieferungen aus dem Ausland abhängig. Rund 60 Prozent würden ohne die Zuteilungen des „Oil-for- food“-Programms kaum überleben. Zwar ist der Irak auf Grund seiner 97 bis 114 Milliarden Fass Erdölreserven hinter Saudi-Arabien das erdölreichste Land der Welt. Doch seit 1991 das UN-Handelsembargo verhängt wurde, werden nicht nur alle Ölexporte von New York aus kontrolliert; auch alle ausländischen Investitionen sind verboten, und die irakische Wirtschaft ist kollabiert.

Vor 1991 lag der Schwerpunkt bei der Rüstungsindustrie, Konsumgüter vom Auto über den Bleistift bis hin zu Arzneimitteln wurden größtenteils aus dem Ausland importiert. Inzwischen muss das alles genehmigt werden. Doch zum Beispiel Düngemittel oder Kühllaster zum Transport für Arzneien und Lebensmittel werden oft monatelang nicht ins Land gelassen, da sie auch der Waffenproduktion dienen könnten, beschreibt der Nahost-Experte Volker Perthes von der Stiftung für Wissenschaft und Politik die Schwierigkeiten vor allem für die zivile Bevölkerung. Weil aus eigener Kraft wenig produziert wird, dienen die Lebensmittel von der UN dann auf dem Schwarzmarkt oft dem Tauschhandel. Unter solchen Umständen sind die 2200 KalorienPortionen pro Tag eher mager.

Besonders problematisch ist die Trinkwasserversorgung. Schon jetzt ist sauberes Wasser knapp, weil das reinigende Chlor kaum importiert werden darf. Doch wenn im Kriegsfall die Stromversorgung im Land ausfällt, dann könnten Hunderttausende von Menschen ohne sauberes Wasser dastehen.

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