Politik : Plant bin Laden neues Massaker?

Chef des Bundesnachrichtendienstes warnt: Terroristen wollen auch in Deutschland Mitglieder rekrutieren

Christoph von Marschall

Berlin. Die Gefahr eines neuen großen Terroranschlags wächst. Es seien verstärkte Aktivitäten des Al-Qaida-Netzwerks und der Kommunikation zwischen einzelnen Zellen zu beobachten, sagte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hanning, beim 13. Forum Bundeswehr und Gesellschaft der „Welt am Sonntag". Dies sei auch vor dem 11. September 2001 der Fall gewesen. Auch Deutschland sei bedroht, weil es sich aus Sicht der Islamisten aktiv am „Kreuzzug" beteilige, wie Al Qaida den internationalen Kampf gegen den Terrorismus nennt. Am 8. Oktober habe Osama bin Ladens Stellvertreter Aiman al Zawahiri Deutschland als potenzielles Anschlagsziel genannt. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden teilte mit, dass es die Einschätzung des BND teile.

Kurz vor der namentlichen Abstimmung des Bundestages über die Verlängerung der deutschen Beteiligung an der Operation „Enduring Freedom" in der nächsten Woche sagte Hanning, er sorge sich um die Sicherheit der Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan, Kuwait und vor Somalia. Dies gelte verstärkt, wenn Deutschland demnächst die Führung der Afghanistan-Friedenstruppe übernehme.

Über mögliche Anschlagsziele wolle er nicht spekulieren – „leider gibt es viel zu viele" –, um nicht auf Schwachstellen aufmerksam zu machen, erläuterte Hanning. Wenn er tippen müsse, halte er einen Anschlag auf „ein weiches Ziel mit hohem Symbolwert" für am wahrscheinlichsten. So bezeichnen Fachleute zivile Einrichtungen, womöglich auch Tourismusobjekte, im Gegensatz zu militärischen Zielen.

Für Entwarnung bestehe kein Anlass. Nach dem Angriff auf New York habe es „erhebliche Anschlagsversuche" gegeben. Neben dem Schuhbomber Raid, Djerba, Karachi und Bali seien mehrfach Anschläge auf ein Café in Marrakesch vorbereitet worden, doch „zum Glück der Touristen hat drei Mal der Zünder versagt". Die Attentäter hätten dann „technische Hilfe aus London erbeten". Daran könne man ablesen, auf welch breiter Basis die Al Qaida operiere. Die Organisation bemühe sich weiter, in Europa Mitglieder zu rekrutieren, auch in Deutschland.

Nach der Einschätzung des BND ist bin Laden am Leben. Er befinde sich vermutlich im schwer zugänglichen Stammesgebiet zwischen dem Osten Afghanistans und Pakistan. Es gebe auch Hinweise auf Verbindungen nach Kaschmir. Er halte es für „ausgeschlossen", dass die Terroristen Zugriff auf Atomwaffen haben, betonte Hanning, vielleicht aber auf „konventionelle Sprengsätze mit radioaktiver Beimischung". Es gebe „bisher keine Anhaltspunkte", dass der Irak die Al Qaida mit Know-how versorge. Mit militärischen und polizeilichen Mitteln könne man den Terror nicht völlig verhindern, das sei „irreal", sondern nur „das Risiko minimieren". Die Geheimdienste „haben eine Chance, vieles aufzuklären", die Kooperation sei „so gut wie nie zuvor in der Nachkriegszeit". Der Westen müsse seinen Dialog mit der islamischen Welt ausweiten und Einfluss auf die Reform des dortigen Erziehungswesens nehmen.

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