Politik : Pleiten und Ganoven

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Von Alfons Frese

Das Elend nimmt ja gar kein Ende. Es ist das dritte Jahr in Folge, in dem die Aktionäre ihr Vermögen an der Börse schrumpfen sehen. Einen schweren Kater nach den tollen Börsentagen 1999/2000 – das hätten die Anleger noch hingenommen: Wie besoffen von der Aussicht auf schnelles Geld hatten die Menschen ihre Ersparnisse in alte und neue Märkte gesteckt; diese Blase ist längst geplatzt. Wer aber geglaubt hat, damit sei es nun gut und mit der wirtschaftlichen Erholung in den USA und Europa gehe es endlich auch an den Börsen aufwärts, der wird beinahe täglich eines Besseren belehrt. Wohl dem, der sein Geld in den letzten Monaten auf dem Sparbuch liegen hatte! Oder seine Dollarbestände in Euro getauscht hat. Denn auch auf dem Devisenmarkt ist eine Blase geplatzt. Das Wechselkursverhältnis des Euros zum Dollar normalisiert sich. Womöglich noch diese Woche wird die Parität erreicht: Der Dollar kostet nur noch einen Euro.

So lange wird der Dollar schwächeln, „bis unser Land seine Ausgaben zügelt“, meint US-Präsident George W. Bush. Aber wen meint er? Sich selbst, der mit ähnlichem Elan wie Ronald Reagan die Verschuldung der öffentlichen Haushalte erhöht? Oder seine Landsleute, die fast schon fahrlässig Kredite aufnehmen? Immerhin trägt ein schwacher Dollar dazu bei, dass die Exporte aus den USA steigen und entsprechend das Handelsdefizit der Amerikaner sinkt. Das Wirtschaftssystem der USA, das belegen die Defizite in den öffentlichen und privaten Haushalten sowie die miese Leistungsbilanz, läuft auf Pump. Während sich im Euroraum die Länder mit dem Stabilitätspakt plagen und ihre Haushalte zu konsolidieren versuchen, marschiert die Führungsmacht in die andere Richtung. Das kostet Vertrauen, deshalb ziehen Anleger ihr Geld aus den USA ab. Sie tun es auch in der Erwartung, dass der Dollar weiter sinkt und entsprechend das in Dollar angelegte Geld an Wert gegenüber Euro oder Yen verliert.

Das gesunkene Vertrauen in die USA hat aber noch einen anderen Grund: das Ganoventum. Nach den Bilanzfälschungen und der anschließenden Pleite des größten US-Energiekonzerns Enron wurden weitere kriminelle Machenschaften in bedeutenden Unternehmen aufgedeckt. Am Mittwoch zum Beispiel bei Worldcom, einer der größten Telekommunikationsfirmen der USA. Es hat so genannte Fehlbuchungen in Milliardenhöhe gegeben. Im Ergebnis wurde die Bilanz geschönt. Betrogen sind Aktionäre, Mitarbeiter und Banken.

Was kommt da noch? Diese Frage stellten sich am Mittwoch die Anleger in aller Welt und verkauften ihre Aktien. Besonders bitter erwischte es die Telekommunikationswerte. Nachdem Medienaktien und die Himmelsstürmer aus der so genannten New Economy zusammenbrachen und teilweise vom Markt verschwanden, ist jetzt die Telekommunikation dran. Die drei Millionen T-Aktionäre haben das in den letzten Monaten bitter erfahren müssen.

Und was wird nun mit der so oft beschworenen Aktienkultur in Deutschland? Das Sparbuch hat die Aktie in den vergangenen Jahren deutlich geschlagen. Allein 2001 haben die Privatanleger am deutschen Aktienmarkt rund 100 Milliarden Euro verloren. Nimmt man das ebenfalls schon ziemlich miserable Börsenjahr 2000 hinzu, sind es 160 Milliarden Euro. Und wie wird die Summe Ende 2002 aussehen? Allein die T-Aktionäre werden sich mit vielen Milliarden Euro auf der Verliererseite finden. Doch nicht nur bei ihnen ist das Vertrauen in die Aktie als Anlageform mindestens schwer beschädigt. Geradezu panisch ziehen sich die Anleger von der Börse zurück. Das ist bedauerlich: für die Unternehmen, die das Kapital für Investitionen brauchen, für die Volkswirtschaft, deren Dynamik von einem funktionierenden Kapitalmarkt abhängt, und für die Anleger selbst, die sich mit schweren Verlusten zurückziehen und nicht auf bessere Zeiten warten wollen.

Die Zeiten werden wieder besser – irgendwann. Der wieder stärkere Euro zeigt das Vertrauen der Devisenmärkte in die europäische Wirtschaft. Und wenn die letzten schwindsüchtigen Unternehmen und Scharlatane vom Markt verschwunden sind, dann geht es wieder aufwärts. Kein Elend währt ewig.

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