Politik : Plön führt nach Pisa

Von Anja Kühne

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Am liebsten treffen sich Deutschlands Kultusminister in der Provinz. Mal treten sie in Darmstadt vor die Öffentlichkeit, mal in Quedlinburg. Um die Hauptstadt schlagen sie meist einen Bogen. Den Bürgern soll vor Augen geführt werden, dass Bildung Ländersache ist, sich die Schule zwangsläufig jeder nationalen Steuerung entzieht: Da wird doch wohl jedes Bundesland am besten wissen, was für seine Schüler gut ist.

In der letzten Zeit sind aber auch andere Töne zu hören. In Plön, wohin sich die Kultusminister diesmal zurückgezogen hatten, nannten sie die Worte „Bildung“ und „national“ in einem Atemzug. Deutschland will seine Schüler der Klassen drei sowie acht oder neun ab 2009 an „nationalen Bildungsstandards“ testen, an einer bundesweiten Messlatte. An ihr müssen die Lehrer ihren Unterricht auf Sylt genauso ausrichten wie die in Garmisch. Es gibt also doch eine deutsche Schule.

Diesen ungewohnten Gleichschritt der Länder hat die Öffentlichkeit erzwungen. Unter dem Pisa-Schock stehend forderte sie eine konzertierte Aktion. Mit schnellem Erfolg. Vor vier Jahren einigten sich die Politiker auf nationale Bildungsstandards. Inzwischen sind die Schulen schon dabei, sich daran auszurichten, zum Beispiel in Mathematik, Deutsch oder der ersten Fremdsprache. Damit die Lehrer sehen können, wo ihre Schüler stehen, erstellt ein neues Institut an der Humboldt-Universität hunderte von Testaufgaben. An diesen Aufgaben richten sich die Länder auch aus, wenn sie – ebenfalls neu nach Pisa – ihre je eigenen Vergleichsarbeiten schreiben lassen. Und aus demselben Aufgabenpool werden die 16 Länder auch schöpfen, wenn sie im Jahr 2009 überprüfen wollen, wie weit es gelungen ist, die selbst gelegte Latte zu erreichen.

Der neue Beschluss ist demnach ein weiterer Schritt zu einer professionellen Schule, wie sie anderswo längst üblich ist. Erkenne dich selbst, lautet die Devise. Eigene Schwächen und Stärken wird allerdings kaum erkennen, wer allein auf sich selbst schaut – wer man selbst ist, erfährt man nur im Blick auf andere. Deshalb müssen die Schüler auch länderübergreifend getestet werden. Dämmert am Horizont also ein neues einheitlicheres Schulwesen herauf? Eines, in dem Eltern keine Angst mehr haben müssen, mit Kindern von Bremen nach Bayern zu ziehen?

Die Bildungsstandards werden die Mobilität von Familien nur bedingt erleichtern. Es bleibt ja bei unterschiedlichen Einschulungsaltern, Fremdsprachenfolgen und Schultypen. Auch geben die Standards höchstens grob vor, über welche Kompetenzen Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Regel verfügen sollen. Details legen weiterhin die Lehrpläne fest. Auch weiterhin ist es möglich, dass Bayern von seinen Gymnasiasten mehr verlangt als Bremen. Bundesweite Tests im Jahr 2009 würden dann bloß offen legen, dass es in Bremen mehr Schüler auf einer unteren Kompetenzstufe der Standards gibt als in Bayern.

Vor allem sind nationale Standards nur Teil einer Qualitätsoffensive im Schulwesen. Sie können Missstände transparent machen, nicht aber beseitigen. Die Länder müssen die Schulen so ausstatten, dass das Niveau auf allen Ebenen tatsächlich steigt. Darüber, in welchem Umfang welches Bundesland nach Pisa welche Maßnahmen ergriffen hat, schweigt der neue nationale Bildungsbericht, den die Kultusminister in Plön präsentiert haben jedoch. Gelten Bildungsstandards etwa nur für Schüler, nicht für die Politik? Zweifel sind angebracht, ob jedes Land tatsächlich alles, was zwingend nötig ist, unternimmt – sei es aus Phlegma, sei es weil ehrgeizige Reformen wie die des Berliner Schulsenators an enge finanzielle Grenzen stoßen.

Umso verstörender sind die Pläne zur Föderalismusreform. Nach Pisa hat die Öffentlichkeit den Bund in die Pflicht genommen, der mit einem großen Ganztagsschulprogramm reagierte. Es ist kaum zu vermitteln, warum in Zukunft jede Aktivität des Bundes ausgeschlossen sein soll. In allen erfolgreichen Pisa-Ländern – auch in den föderal organisierten – gilt: Bildung ist eine nationale Aufgabe. Nationale Bildungsstandards allein reichen nicht.

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