Politik : Plutonium-Affäre: Stuttgart lenkt ein

Andreas Böhme

In der Sache nichts Neues, wohl aber im Verfahren: Ulrich Müller (CDU), für die Reaktorsicherheit zuständiger Minister in Stuttgart, lenkt ein. Bis zum Ende der üblichen Dienstzeit wird Baden-Württembergs Umweltminister an diesem Freitag seinem Amtskollegen Jürgen Trittin schriftlich darlegen, welche Maßnahmen er plant, nachdem in der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) ein Glasröhrchen mit radioaktiver Substanz und ein hochkontaminierter Putzlappen von einem Mitarbeiter durch alle Sicherheitsschleusen hindurchgeschmuggelt werden konnten. Das von Trittin angeforderte Konzept wird der Reaktorsicherheitskommission und der Strahlenschutzkommission des Bundes zur Bewertung vorgelegt.

Zunächst hatte Müller sich der Forderung aus Berlin verweigert und angegeben, er wolle erst die kriminalistischen Aspekte des Falles gelöst wissen. Wichtigste Konsequenz: Seit Bekanntwerden der Tat ruht die Arbeit in der ohnehin stillgelegten WAK, die vor allem von betriebsfremdem Personal zurückgebaut wird.

Desweiteren nannte Müller am Donnerstag in einer Aktuellen Stunde des Landtages eine Reihe von personellen Entscheidungen, die zur Verstärkung der Wachen und Streifen dienen. Das Lager mit rund 80 Tonnen hoch radioaktiv verseuchter Atomsuppe wird zusätzlich durch eine Videoanlage überwacht. Die Brühe, so Müller, schütze sich aber insofern selbst, weil sie derart strahlt, dass bei einem intensiven Kontakt "nach wenigen Minuten" der Tod eintrete.

Sicher ist, dass das gestohlene Material nicht aus diesem Bereich stammt, als höchstwahrscheinlich gilt mittlerweile auch, dass außer diesen beiden Objekten kein weiteres Material aus der Anlage geschmuggelt wurde. Gerüchte, nach denen Gefängnisinsassen bei den Aufräumarbeiten in der WAK eingesetzt würden, wies Müller zurück. Dies sei ausgeschlossen, da man von allen Beschäftigten polizeiliche Führungszeugnisse verlange. Die WAK-Leitung verschärfte indes die Sicherheitsmaßnahmen. Nach Informationen des Südwestrudfunks waren die Kontrollen in der WAK schon in der Vergangenheit nachlässig. Das hätten zwei ehemalige Fremdfirmenarbeiter gesagt. Beide hätten bis 1990 in der WAK gearbeitet.

Der 47-jährige, teilweise geständige Arbeiter sitzt in Untersuchungshaft, ein Motiv ist den Ermittlern bisher noch nicht ersichtlich. Es sei angesichts der rund sechs Monate zwischen der Tat und deren Aufdeckung unwahrscheinlich, dass der selbst verstrahlte Mann mit seiner Tat auf mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen aufmerksam machen wollte.

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