Politik : Pockenalarm – und was dann?

In Washington simulierten Politiker einen Anschlag. Ein Ergebnis: Deutschland ist schlecht vorbereitet

Malte Lehming[Washington]

Panik herrscht. Die Bewohner von Frankfurt und München fliehen. Tausende von Polen wollen über die Grenze nach Deutschland, um sich impfen zu lassen. In Rotterdam werden zwei Moscheen in Brand gesetzt. Die Türkei fordert das Eingreifen der Nato. Die Franzosen wollen, dass die UN die Führungsrolle übernehmen. Die US-Regierung ist skeptisch. Doch guter Rat ist teuer. Darf der vorhandene Impfstoff verdünnt werden, ohne an Wirksamkeit zu verlieren? Die Wissenschaftler streiten. Die Todeszahlen steigen. Soll der Bundeskanzler eine Impfung aller Deutschen veranlassen?

In Washington fand am Freitag eine Katastrophenübung besonderer Art statt. Zehn Politiker aus westlichen Industriestaaten werden mit der Nachricht einer Bio-Attacke konfrontiert. Pockenalarm! In Istanbul bricht die Krankheit aus, greift rasch auf Frankfurt, Rotterdam und Warschau über und landet schließlich in den USA. Mitglieder einer moslemischen Terrorgruppe haben in einer kleinen Brauerei in Klagenfurt ein Virus gezüchtet und mittels eines Zerstäubers auf Flughäfen und U-Bahnhöfen verteilt. Innerhalb von vier Tagen sind 76 000 Menschen infiziert.

Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright spielte die US-Präsidentin, der FDP-Politiker Werner Hoyer den Bundeskanzler. Bernard Kouchner, ehemals französischer Gesundheitsminister, war der Chef seines Landes. Lektion eins: Um die Impfstoffe wird es eine Verteilungsschlacht geben. In Polen, Italien, Spanien, Kanada und Japan lagern kaum welche. Die USA, Deutschland, Tschechien und Frankreich dagegen können hundert Prozent ihrer Bevölkerung versorgen. Lektion zwei: Eine Pockenepidemie, ausgelöst durch Terror, lässt sich nur international bekämpfen. Doch es fehlt eine koordinierende Instanz. Am ehesten wäre wohl die Weltgesundheitsorganisation in der Lage. Lektion drei: Die Bundesrepublik ist institutionell schlecht gewappnet. Der Katastrophenschutz etwa ist Ländersache. Und darf die Bundesregierung ohne weiteres das Schengen-Abkommen außer Kraft setzen? Hoyer reiste erschöpft zurück. Vergessen hat er eine Miniaturausgabe des Grundgesetzes.

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