Pogromnacht : Merkel betont "immerwährende Verantwortung"

Anlässlich des 70. Jahrestag der Pogromnacht hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel betont. Der Zentralrat der Juden forderte Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus.

Kerstin Münstermann[ddp]
gedenkfeier merkel knobloch
Mahnen gemeinsam: Angela Merkel (l.) und Charlotte Knobloch. -Foto: dpa

Berlin"Wir müssen den braunen Rattenfängern entgegenarbeiten", sagte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, am Sonntag bei einer gemeinsamen Gedenkfeier mit der Bundesregierung. In einer Synagoge im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg warnte sie vor den "leisen und nicht so leisen Signalen" antidemokratischer Bewegungen und forderte erneut ein Verbot der rechtsextremen NPD. Deren Erstarken bei den brandenburgischen Kommunalwahlen unlängst mache ihr Angst.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob die besondere Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel hervor. "Die Sicherheit Israels zu schützen ist Teil der Staatsräson Deutschlands", betonte Merkel. Die Bedrohung des Staates Israels durch die Hamas, die Hisbollah und den Iran sei nicht hinzunehmen.

"Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte"

Der 70. Jahrestag der Ereignisse der Pogromnacht erinnere daran, "welche Verantwortung wir für eine offene und friedliche Gesellschaft tragen", sagte Merkel. Aus der damaligen Schoah resultiere eine "immerwährende Verantwortung" für eine Gesellschaft einzutreten, die Mensch und Würde in den Mittelpunkt stelle und die den "Schatz von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit" verteidige.

Die Ereignisse von 1938 stünden “stellvertretend für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte", sagte die Kanzlerin weiter. Die Flammen des 9. November 1938 seien in ganz Deutschland unübersehbar gewesen, "doch es folgte kein lauter Proteststurm gegen die Nazis, sondern Schweigen, Achselzucken und Wegsehen, vom einzelnen Bürger bis zu großen Teilen der Kirche". Dazu dürfe es nie wieder kommen. "Wir dürfen nicht schweigen, es darf uns nicht gleichgültig sein, wenn jüdische Friedhöfe geschändet und Rabbiner auf der Straße beleidigt werden". Der "Zivilisationsbruch der Schoah" sei nicht wieder gutzumachen, so sehr sich Deutschland dies auch wünsche. Umso dankbarer sei sie, dass Juden wieder Vertrauen in Deutschland gefasst hätten und ein jüdisches Gemeindeleben entstanden sei.

"Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein"

Knobloch sagte, die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 habe "Gewalt, Zerstörung und Tod" gebracht und müsse den "künftigen Generationen Mahnung und Auftrag sein". Sie selbst sei damals sechs Jahre alt gewesen und an der Hand ihres Vaters durch ihre Heimatstadt München gehastet, auf der Flucht vor den Ausschreitungen. Sie sei "jedes bekannten und geliebten Ortes beraubt worden", schilderte Knobloch ihre Erlebnisse. Die damalige "Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein" seien heute noch in ihrem Leben präsent, "als ob es erst gestern geschehen wäre". Die sechs Millionen ermordeten Juden dürften nicht "zu einer Fußnote der Geschichte" werden.

Die 76-Jährige griff in ihrer Rede auch die Bemerkung des niedersächsischen Ministerpräsidenten und CDU-Vizes Christian Wulff an, der in einer TV-Talkshow im Zusammenhang mit der Kritik an Finanzmanagern von einer "Pogromstimmung" gesprochen hatte. "Dieses mangelnde Geschichtsbewusstsein ist nicht hinzunehmen", sagte Knobloch.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nazis überall in Deutschland Synagogen in Brand gesetzt sowie Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger zerstört. Die Pogromnacht steht für den Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland und weiten Teilen Europas durch die Nazis.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar