Polen : Angst statt Gemeinsamkeit

Vor zwanzig Jahren läutete Polens Runder Tisch das Ende des Sozialismus in Europa ein – jetzt herrscht Katzenjammer in Warschau.

Knut Krohn[Warschau]

Die Hauptperson fehlt. Lech Walesa wird an keiner Jubiläumsveranstaltung zum Runden Tisch teilnehmen. Er könne das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, begründete der ehemalige Führer der Gewerkschaft Solidarnosc seine Weigerung – und wird einmal mehr zu einem Symbol Polens. Die Gesellschaft ist zerrissen angesichts der Bewertung jener Verhandlungen, die vor zwanzig Jahren den friedlichen Übergang des Landes in die Demokratie sicherten. Alte Bilder geraten ins Wanken: Statt sich wie in den letzten 15 Jahren in der Rolle des osteuropäischen Musterlandes mit hohen Wachstumsraten einzurichten, sieht sich Polens Wirtschaft härter von der Finanzkrise getroffen als die meisten anderen Länder in Europa.

Der Streit um die Deutung jener Tage spiegelt die tiefe Verunsicherung im Land wider. Am Donnerstag setzten sich Teilnehmer des Rundes Tisches im Parlament noch einmal zusammen und diskutierten. Präsident Lech Kaczynski traf sich derweil mit ausgesuchten Wissenschaftlern, die sich ganz andere Gedanken über das Jahr 1989 machten. Kaczynski wirft seinen ehemaligen Weggefährten der Solidarnosc vor, mit den damaligen Machthabern gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sie trügen die Schuld, dass Polen in den 90er Jahren in einem Sumpf aus kommunistischen Netzwerken und Korruption versunken sei.

Diese an einen Kreuzzug erinnernde Politik erschreckte jedoch die meisten Polen und das Ansehen von Lech und Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski ist inzwischen rapide gesunken. Zumal das Volk nach dem Beitritt des Landes zur EU im Jahr 2004 schnell die Vorteile der neuen Freiheit, vor allem des Arbeitsmarktes, entdeckt hatte.

Die Stahlarbeiter haben einen Vorgeschmack auf die mögliche Krise gegeben

Doch angesichts der Finanzkrise müssen viele Polen nun die Erfahrung machen, dass die Märkte eng miteinander verwoben sind. Die meisten Unternehmen befinden sich in ausländischer Hand, die Muttergesellschaften ziehen massiv Geld ab, das sie zur Finanzierung des eigenen Geschäftes brauchen. Auch macht sich die Absatzflaute auf dem Automarkt bemerkbar, denn viele Marken und Zulieferer lassen in Polen fertigen.

Die Wachstumsprognose von knapp fünf musste mittlerweile auf 1,7 Prozent gesenkt werden, erklärte Premier Tusk. Um die lahmende Konjunktur anzukurbeln, setzt man in Polen nicht nur auf Ausgabenprogramme, sondern entwickelte ein straffes Sparpaket – fast 20 Milliarden Zloty weniger sind im Haushalt 2009 vorgesehen. Kritik am Sparkurs kommt aus dem nationalkonservativen Lager. Präsident Lech Kaczynski glaubt, dass die rigide Ausgabenpolitik den Abschwung noch verstärke.

Einen Vorgeschmack darauf, was dem Land dann blühen könnte, haben über tausend Stahlarbeiter gegeben. Im Rzeszow protestierten sie Ende der Woche gegen drohende Entlassungswellen. Reifen brannten, Absperrgitter wurden umgerissen. Nur der Einsatz der Polizei konnte Schlimmeres verhindern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar