Polen : "Das Kreuz muss bleiben"

Streit um das Denkmal für die Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk: Polens radikale Katholiken wollen eine Verlegung des Mahnmals verhindern.

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Mit religiöser Hingabe. Die Demonstranten wollen nicht hinnehmen, dass das große Holzkreuz in einer Kirche gebracht wird. Foto: dpa
Mit religiöser Hingabe. Die Demonstranten wollen nicht hinnehmen, dass das große Holzkreuz in einer Kirche gebracht wird.Foto: dpa

„Wenn es sein muss, bleiben wir den ganzen Winter“, verspricht Mariusz Bulski. Der junge Sprecher der „Kreuz-Verteidiger“ hat die Hoffnungen auf ein Ende des Streites um das Holzkreuz vor dem Warschauer Präsidentenpalast zerschlagen. Statt des lauthals angekündigten Kompromissvorschlages hagelte es am Montag Durchhalteparolen. Gleichzeitig verhärtete sich die Position der demonstrierenden Ultra-Katholiken. „Das Kreuz muss vor dem Präsidentenpalast stehen bleiben“, forderte Bulski. Zugleich kündigte er an, dass es eine internationale Ausschreibung für ein Denkmal für die Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk geben solle.

Bisher hieß es, das Kreuz dürfe wie geplant in eine Kirche verlegt werden, nachdem ein Denkmal gebaut worden sei. Nun wollen die „Kreuz-Verteidiger“ offenbar ein Denkmal und ein Kreuz. Man hoffe, mit den neuen Vorschlägen sowohl den Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski wie das Episkopat an den Verhandlungstisch zu bringen, sagte Bulski.

Vor ein paar Tagen hatte ein anderer Sprecher der „Kreuz-Verteidiger“ ein umstrittenes Projekt für einen acht Meter hohen Obelisken mit 96 zum Himmel reichenden Händen vor dem Präsidentenpalast präsentiert. Seit der Zwangsräumung ihres Nachtlagers unter dem Holzkreuz versucht die religiös fanatisierte, von Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski und dem antisemitischen „Radio Maryja“ unterstützte Gruppe, ihre Ziele besser zu kommunizieren. Vor einer Woche hatten Polizeieinheiten ihr nächtliches Camp aufgelöst. Seitdem demonstrieren sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite für den Erhalt des Kreuzes.

Vor der gewaltsamen Räumung hatte der neue Staatschef Komorowski die Grundforderung der „Kreuz-Verteidiger“ erfüllt und eine Gedenktafel für die Opfer der Flugzeugkatastrophe von Smolensk eingeweiht. Doch die Tafel war den Protestierenden zu klein; zusammen mit der Oppositionspartei PiS von Jaroslaw Kaczynski, dem Zwillingsbruder des beim Absturz ums Leben gekommenen Staatspräsidenten, fordern sie ein Denkmal von bisher nicht spezifizierten Ausmaßen.

Kaczynski geißelte die Polizeiaktion als „Trick“, der zum Ziel habe, das Holzkreuz zu verbannen. Damit würde ein Vorgehen gewählt, das aus der Volksrepublik Polen bekannt sei, giftete der Oppositionschef. Bereits vor ein paar Wochen hatte Kaczynski behauptet, Polen sei kein demokratisches Land mehr.

Verlierer des Kreuz-Streites vor dem Präsidentenpalast ist bislang vor allem Polens katholische Kirche. Das absurde Gezerre um das Holzkreuz wird seit Wochen live im polnischen Fernsehen übertragen. Die „Kreuz-Verteidiger“ haben Spaßguerilla-Aktionen gegen das Kreuz provoziert; inzwischen kursieren auch Videospiele und Technobeats zu den religiösen Liedern der „Kreuz-Verteidiger“. Die von den Kaczynski-Anhängern abgelehnte Gedenktafel wurde mit Fäkalien beschmiert, die „Kreuz-Verteidiger“ mit einer Handgranate bedroht. Der hohe Unterhaltungswert lockt allabendlich Touristen und einheimische Gaffer vor den Präsidentenpalast. Dies alles höhlt die Autorität der polnischen Kirche aus, zumal diese wochenlang den Kopf in den Sand gesteckt hat.

Erst vor einer Woche meldete sich endlich Polens neuer Primas Jozef Kowalczyk zu Wort. Im Nationalheiligtum Jasna Gora rief er dazu auf, das Kreuz nicht für politische Tauschgeschäfte zu missbrauchen. Vor dem Präsidentenpalast würden die Polen in diesen Tagen eine schändliche „Manipulation mit dem Kreuz“ erleben. Dies habe weder mit katholischem Gewissen noch mit Christenliebe zu tun, redete der Primas den Politikern ins Gewissen.

Ende Juli hatten sich die Eigentümer des Kreuzes, zwei Pfadfinderverbände, mit der Präsidialadministration auf den Umzug in die nahe Sankt-Anna-Kirche geeinigt. Die geplante Prozession scheiterte allerdings am erbitterten Widerstand der „Kreuz-Verteidiger“. Bisher hat es Komorowskis Präsidialverwaltung nicht gewagt, einen neuen Umzugstermin zu benennen.

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