Polen : Der Himmel über Warschau

Die neue polnische Regierung will die katholische Kirche nicht länger schonen und jetzt umstrittene Reformen anpacken

Knut Krohn[Warschau]

Die Gretchenfrage stellt sich in Polen nicht. Die Menschen glauben an Gott, sind katholisch und gehen natürlich regelmäßig zur Kirche. Europaweite Umfragen und Hinweise auf die fast fanatische Verehrung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. bestätigen dieses abgegriffene Klischee immer wieder. Tatsächlich aber haben die meisten Polen keineswegs ein derart ungebrochenes Verhältnis zur Kirche, wie gemeinhin angenommen wird. Niemand weiß dies besser als die Kirchenfürsten selbst – und die müssen sich nun Sorgen machen, dass das in den vergangenen Jahren mühsam ausgehandelte und wohl austarierte Gleichgewicht zwischen Gesellschaft, Staat und Klerus aus den Fugen gerät.

Der Grund dafür ist, dass sich Polen seit Jahren in einem atemberaubenden Umbruch befindet. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft und die Politik, sondern auch für zentrale ethisch-moralische Fragen in der Gesellschaft. Zuletzt beschleunigt wurde diese Entwicklung durch den Beitritt zur Europäischen Union. Unvermittelt befand sich Polen mit seinem konservativen Gesellschaftsentwurf in direkter Konkurrenz zu anderen, westlichen Modellen. Parallel dazu bekamen die Menschen in Massen die Möglichkeit, außerhalb der eigenen Grenzen relativ einfach neue Lebenserfahrungen zu sammeln. Inzwischen kehren junge Polen in ihre Heimat zurück, die in der Fremde andere, meist sehr viel offenere Lebensentwürfe kennen und schätzen gelernt haben. Sie treten nun mit einem neuen Selbstbewusstsein Staat und Kirche entgegen.

Die vergangenen beiden Jahre hatte die Kirche noch eine gewisse Schonfrist. Zwar gab es Reibereien, aber in den grundsätzlichen Fragen der Gesellschaft hatte sie in der national-konservativen Regierung unter Jaroslaw Kaczynski einen Glaubensbruder. Doch seit dem Machtwechsel in Warschau hat sich die Großwetterlage schlagartig geändert und dem Klerus weht der Wind kalt ins Gesicht. Lange unter der Decke gehaltene Probleme werden von politischen Entscheidungsträgern offen angesprochen und die Kirche muss sich positionieren. Den Anfang machte Gesundheitsministerin Ewa Kopacz, die staatliche Zuschüsse für In-vitro-Befruchtungen ankündigte. Dann stemmte sich das Bildungsministerium gegen die vehemente Forderung der katholischen Kirche, das Fach Religion als Prüfungsfach im Abitur zuzulassen. Und schließlich deutet sich an, dass über die restriktive Abtreibungspolitik in Polen in Bälde auch neu verhandelt werden wird.

Der katholische Klerus wird zu diesen drei Themen natürlich Stellung beziehen, doch stecken die Bischöfe in einem grundsätzlichen Dilemma. In Polen ist Religion vor allem eine Privatangelegenheit. Die Kirche war über Jahrzehnte vom kommunistischen System aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen worden. Zwar konnte sie während der Zeit der Gewerkschaft Solidarnosc ein hohes Maß an moralischer Reputation erlangen, doch gelang es ihr nicht, diesen Einfluss nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in praktische Politik umzusetzen. Das wurde in der Gesellschaft allerdings auch nicht gewünscht.

Die meisten Polen befürworten eine strikte Trennung von Staat und Kirche, das ist für sie aber nicht gleichbedeutend mit einer Trennung von Öffentlichkeit und Religiosität. Kreuze in Schulen werden nicht als störend empfunden, vehement abgelehnt wird allerdings, dass etwa die Kirche vom Parlament beschlossene Gesetze kommentiert.

Wird diese Grenze überschritten, reagieren die liberalen Vertreter der polnischen Gesellschaft überaus empfindlich. So rief jüngst der Soziologe Pawel Spiewak den Klerus nicht nur wegen einiger verbaler Ausfälle in die Schranken. "Themen wie die In-Vitro-Befruchtung sind Themen für Debatten und nicht dafür geeignet, jemanden zu verdammen. Einen Gegner zu verdammen kann in einer Demokratie kein Argument sein. Die Kirche muss die Diskussion mit gleichberechtigten Partnern aufnehmen, die das Recht haben, ihre Meinung zu äußern – auch wenn sie der Kirche nicht gefällt."

Die polnische Kirche wird sich in einer Gesellschaft zurechtfinden müssen, die differenzierter, pluralistischer und rationalisierter sein wird als die heutige. Doch trotz der fortschreitenden Säkularisierung liegt es außerhalb des Vorstellungsvermögens auch der schärfsten Kirchenkritiker, dass die Religion in Polen ihren starken Einfluss verlieren wird. Zu sehr sind die nationale und religiöse Identität des Landes in den vergangenen Jahrhunderten miteinander verschmolzen. Die katholischen Polen verteidigten ihre Heimat gegen das orthodoxe Russland und gegen das evangelische Preußen. Das ging so weit, dass die religiösen Symbole sogar zu politischen Chiffren im nationalen Widerstand wurden.

Stefan Wyszynski, Primas der polnischen Kirche, formulierte 1968: "Niemand möge an der Behauptung, Pole gleich Katholik, Anstoß nehmen. Es handelt sich hierbei nicht um ein Schlagwort, sondern um eine lebendige Frucht, die aus den Existenzgegebenheiten der Kirche inmitten des gequälten Volkes herangereift ist. Das ist die lebendige Wirklichkeit." Das heißt, die Kirche hat ihr eigenes Schicksal immer mit dem der einfachen Menschen geteilt, sei es nach der Teilung Polens, während des Dritten Reiches oder unter dem kommunistischen Regime.

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