Polen : Der Ton wird sachlich

Seit Donald Tusk Premier ist, gehen die Pöbeleien gegen Deutschland in Polens Presse deutlich zurück.

Knut Krohn[Warschau]

Für Mariusz Muszynski kam der Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit nicht überraschend. Der Abgang des ehemaligen Deutschlandberaters der polnischen Regierung sollte aber von einem Paukenschlag begleitet sein. So meldete er sich an Weihnachten noch einmal mit einem Artikel zu Wort, in dem er die Hinterhältigkeit der Berliner Politiker geißelte. Der Vorschlag von Kanzlerin Angela Merkel, Polen an der Mitgestaltung des „Sichtbaren Zeichens gegen Vertreibung“ zu beteiligen sei eine Falle, schrieb er im konservativen Magazin „Wprost“. Damit solle Warschau dazu gebracht werden, die eigene Schuld an der Vertreibung einzugestehen. Was Premier Donald Tusk von solchen Ratschlägen hält, hat er am Mittwoch deutlich gemacht: Muszynski wurde auch seines Amtes als Chef der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ enthoben, die sich um die Entschädigung ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter kümmert.

Damit haben die Scharfmacher im sensiblen Verhältnis zwischen den zwei Nachbarn eine einflussreichen Stimme verloren. „Wprost“ stellte für ihre verbalen Attacken immer wieder ein Podium zur Verfügung und dekorierte die Texte entsprechend. Großes Aufsehen erregte im Sommer ein Titel, der die deutsche Kanzlerin mit den Kaczynski-Zwillingen an der nackten Brust zeigte. Den Text dazu über nach wie vor präsente Großmachtgelüste Berlins schrieb Mariusz Muszynski.

Zwei Jahre lang waren solch Anfeindungen in Polens Presse fast täglich zu lesen. Die Wende kam mit der Niederlage des national-konservativen Lagers um Regierungschef Jaroslaw Kaczynski Ende Oktober. Damals wandelte sich von einem Tag auf den anderen nicht nur der Ton in der Politik. Auch erinnerten sich manche Journalisten offenbar daran, dass Kritik am politischen Gegner nicht unbedingt mit der verbalen Keule formuliert werden muss. Zudem melden sich nun verschollen geglaubte Stimmen wieder zu Wort. Beim Boulevardblatt „Fakt“ schrieb der liberale Journalist Tomasz Lis den Leitartikel zur Regierungserklärung von Donald Tusk. Wenige Tage später gab spielte der Premier sogar für einen Tag den Chefredakteur bei der konservativen Zeitung, die zum deutschen Springer-Verlag gehört. Das Blatt war davor eher durch antideutsche Ressentiments aufgefallen – was durchaus die Auflage steigert. Denn viele Polen stehen dem großen Nachbarn tatsächlich noch immer sehr skeptisch gegenüber. Der Schwenk hin zu Tusk dürfte den konservativen Blättern aber nicht zu schwer gefallen sein. So sind Tusks zentrale politische Positionen nicht zu weit von denen seines Vorgängers entfernt. Zudem fuhren die Redaktionen in den vergangenen zwei Jahren eine zweigleisige Strategie. Der polternde Politikstil Kaczynskis in Sachen Vertriebene oder EU war gut für eine verkaufsfördernde Schlagzeile. Das reale Leben spielte sich auf einer anderen Ebene ab. So präsentierte die konservative „Dziennik“, die einen guten Draht zur Kaczynski-Regierung hatte, über Monate eine Serie über den Alltag berufstätiger Mütter oder gab Tipps für arbeitsuchende Polen im Ausland.

Wenn sich die Gelegenheit bietet, werden aber nach wie vor antideutsche Ressentiments bedient. Jüngst forderte ein Mann ein Grundstück in der Nähe von Olsztyn (Allenstein) zurück, das er bei seiner Aussiedlung Mitte der 70er Jahre verlassen hatte. Das Problem ist, dass sich darauf nun ein Friedhof befindet. Tenor der Geschichte in „Dziennik“: die Deutschen schrecken vor nichts zurück.

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