Polen : Große Gesten, kleine Teufel

Deutsch-polnische Medientage: In Stettin reden polnische und deutsche Politiker über Europa nach 1989.

Gerd Appenzeller[Stettin]

Sind Polen und Deutsche Freunde? Diese Frage uneingeschränkt zu bejahen, wagte selbst Hans-Dietrich Genscher nicht, als sie ihm jetzt vorgelegt wurde. Der langjährige deutsche Außenminister suchte die Antwort im Blick auf die europäische Landkarte und entgegnete so eindringlich, wie er eben werden kann, wenn es ihm ums Grundsätzliche geht: „Wir sind im selben Bündnis. Wer sagt, das sei nichts, versteht nichts von Geschichte.“ Aleksander Kwasniewski, bis 2005 ein Jahrzehnt lang Präsident Polens, kommt wenig später darauf zurück, als er sein Publikum beschwörend erinnert: „Nach 1000 Jahren voller Konflikte sind wir in den gleichen Bündnissen, in der Nato und der Europäischen Union. Wir alle haben doch nie an so grundlegende Veränderungen geglaubt.“

So gesagt bei den Zweiten Deutsch-Polnischen Medientagen jetzt in Stettin. Neben Genscher und Kwasniewski machten sich auch Lech Walesa, der erste Präsident des freien Polen und Tadeusz Mazowiecki, der erste frei gewählte Ministerpräsident, Gedanken über das „20 Jahre danach“ und tauschten dabei ihre Erfahrungen mit Horst Teltschik, dem langjährigen außen- und sicherheitspolitischen Berater von Bundeskanzler Kohl sowie dem Karrierediplomaten Gunter Pleuger aus, der heute Präsident der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ist.

Von zentraler Bedeutung erwies sich bei allen Erwägungen die Rolle, die Polen und Deutschland nach gemeinsamer Überzeugung zur Profilierung der Europäischen Union auferlegt ist. Für den deutschen Botschafter in Polen, Michael H. Gerdts, gestalten sogar beide Länder die europäische Architektur gemeinsam, wobei er so wie Aleksander Kwasniewski bei Europas Architektur vor allem an die östlichen Anbauten denkt.

Dass für Polen Europa nicht an seiner Ostgrenze zu Ende ist, war Aleksander Kwasniewski schon in seiner Präsidentenzeit nicht müde, dauernd zu betonen – und die damalige Regierung Schröder zu mahnen, sie solle bei ihrer Zuneigung zu Russland nicht immer die Ukraine überspringen, als sei die nicht existent. Gunter Pleuger, zuletzt deutscher Botschafter bei den Vereinten Nationen, geht da noch weiter, wenn er fordert: „Wir müssen Russland integrieren“, und auf eine deutsch-polnisch-russische Initiative in dieser Richtung verweist. Mit besonderer Zuneigung betrachten Politiker beider Länder immer noch – oder immer einmal wieder – das sogenannte Weimarer Dreieck, in dem ursprünglich Frankreich und vor allem Deutschland Polen den Weg in die EU erleichtern wollten, und das jetzt auch in Stettin immer wieder als Dreierpakt wärmstens empfohlen wurde. Aber jedem in Stettin war bewusst, dass Polens Präsident Lech Kaczynski das letzte Treffen des Weimarer Dreiecks durch vorgeschobene Krankheit platzen ließ.

Polens Beteiligung am Irakkrieg hat die EU vor eine – vorübergegangene – Zerreißprobe gestellt, aber das ist Vergangenheit. Ex-Regierungschef Mazowiecki betont, er sei von Anfang an dagegen gewesen, und der damalige Präsident, Kwasniewski, räumt freimütig ein: „Wenn wir gewusst hätten, was wir heute wissen...Ich bin nicht sonderlich stolz auf meine damalige Entscheidung, aber es ging einfach nicht anders.“

Auf die regelmäßigen, fast schon rituellen Missverständnisse zwischen Polen und Deutschen angesprochen, fragt Kwasniewski entschieden zurück: „Ach ja, der Teufel steckt im Detail? Dann verjagen wir den Teufel endlich!“ Haben beide Länder nach 1989 in der Politik etwas unterlassen oder falsch gemacht? Da ist sich Hans-Dietrich Genscher ganz sicher: „In der Verantwortung gegenüber Polen hat keine deutsche Regierung etwas versäumt.“

Es gab keinen Widerspruch.

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