Polen : Kaczynski kleinlaut

Der angriffslustige Oppositionschef siegt im TV-Duell. Mit einer überraschend starken Vorstellung hat Tusk die Hoffnungen genährt, bei den vorgezogenen Parlamentswahlen den amtierenden Premier doch noch vom Thron stoßen zu können.

Knut Krohn[Warschau]
Polen
Rededuell zwischen dem polnischen Premier Jaroslaw Kaczynski und seinem Herausforderer Donald Tusk. -Foto: AFP

„Donald Tusk! Donald Tusk!“ Nach dem Schlussgong beim Rededuell zwischen dem polnischen Premier Jaroslaw Kaczynski und seinem Herausforderer am Freitagabend brandete kurz Stadionstimmung auf. Fast euphorisch skandierten die vorwiegend jungen Fans im Studio den Namen des Chefs der oppositionellen „Bürgerplattform“ (PO).

Wochenlang schien die Bürgerplattform den eingängigen Slogans der regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) nichts entgegensetzen zu können, die zum Kampf gegen die Korruption aufruft. Die Umfragewerte der PO bröckelten dramatisch und der sicher geglaubte Sieg schien verloren. Schon wurde in den Reihen der Opposition Kritik an Donald Tusk laut. Brav, blass und ideenlos präsentiere sich der PO-Chef. Doch nach dem Rededuell dürften die Zweifler verstummt sein. In einer Umfrage der regierungsnahen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ erklärten 67 Prozent der Leser den zuvor Geschmähten zum eindeutigen Sieger.

Der Grund: Donald Tusk präsentierte sich eindeutig besser vorbereitet als Kaczysnki und erschien überraschend angriffslustig. Auf der anderen Seite zog sich der Premier mit zunehmender Dauer der einstündigen Debatte immer mehr in den Schmollwinkel zurück und hatte den Argumenten des Herausforderers nicht allzu viel entgegenzusetzen. Dabei hatte Tusk zum ersten Mal aggressiv eine sehr einfache Taktik angewandt: er maß die Regierung an den Versprechungen, mit denen sie vor zwei Jahren den Wahlkampf gewonnen hatte. „Wo sind die drei Millionen Wohnungen, die versprochen wurden“, fragte der Oppositionsführer. „Wo sind die Autobahnen?“ Und schließlich konfrontierte Tusk den Premier damit, dass er angekündigt habe, Verwaltungskosten einzusparen und einen schlanken Staat zu formen mit der Tatsache, dass Polen sich mit fast 100 Millionen Euro pro Jahr die teuerste Regierung in der EU leisten würde. All diesem hatte der Premier nichts entgegenzusetzen.

Kaczynski versuchte, sich aus der Defensive zu manövrieren, indem er der Opposition vorwarf, die Wirtschaft liberalisieren zu wollen und die Menschen damit in die Armut zu stürzen. Aber auch hier war Tusk besser vorbereitet und konterte, dass zwei Millionen Polen, die in den vergangenen Jahren ins Ausland abgewandert seinen, „das liberale Wirtschaftssystem in Großbritannien und Irland gewählt haben“. Und Tusk betonte: „Wir von der Bürgerplattform glauben, dass Polen ein modernes und wohlhabendes Land werden kann, so dass Millionen Menschen nicht im Ausland ihr Brot verdienen müssen.“ Ein sichtlich angeschlagener Jaroslaw Kaczynski bat die Wähler am Ende um mehr Zeit, da es noch viele Aufgaben zu bewältigen gebe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben