Politik : Polen nach der Wahl: Auf Partnersuche: Polens Wahlsieger Leszek Miller

Thomas Roser

Lustlos stimmte die Dixieband erneut den eintönigen Wahlsong der Wahlsieger an. Doch auch zu vorgerückter Stunde wollte sich bei der Wahlparty der sozialdemokratischen SLD trotz satter Zugewinne keine Feststimmung einstellen. Er sage "gar nichts", grummelte missmutig Parteisprecher Michal Tober: "Erst müssen wir wissen, ob wir die Mehrheit haben." Seine düstere Skepsis erwies sich als berechtigt. Monatelang hatte Polens postkommunistische SLD in den Prognosen bei rund 50 Prozent der Stimmen gelegen, konnte SLD-Chef Leszek Miller sich berechtigte Hoffnungen auf die Mehrheit der Parlamentssitze machen. Erste Prognosen schienen zwar die Erwartung eines deutlichen Wahlsiegs zu bestätigen. Doch die Hochrechnungen am Montag ergaben ein anderes Bild: Mit 41 Prozent hat die SLD demnach die Mehrheit im Sejm um gut ein Dutzend Sitze verfehlt.

Auf eine stabile Regierung hatte Miller gehofft, um unverzüglich die Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen in Angriff nehmen zu können. Doch nun muss er sich dafür erst eine Mehrheit suchen. Frühere Koalitionserfahrungen mit der euroskeptischen Bauernpartei PSL sprechen eher gegen eine Neu-Auflage der damaligen Zweckehe. Die Beschleunigung der Beitrittsverhandlungen mit der EU wäre mit der wirtschaftsliberalen Platforma (PO) sicher leichter durchzusetzen. PO-Chef Olechowski hat indes Ambitionen, der nächste Präsident zu werden: In der Opposition würde es ihm leichter fallen, als Alternative zu einem SLD-Kandidaten aufzutreten.

Grund zur Freude haben nur die beiden europafeindlichen Protestparteien. "Für uns ist das ein Riesenerfolg," kommentierte Bauernführer Andrzej Lepper die zehn Prozent für seine "Samoobrona" (Selbstverteidigung). Mit sieben Prozent ist auch der rechtsextremen "Liga der polnischen Familien" der Sprung ins Warschauer Parlament geglückt.

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