Politik : Polen plant Einstieg in die Atomenergie

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Berlin/Warschau - Polen hat sich entschieden. Das erste Kernkraftwerk des Landes wird in Pommern gebaut, nahe der kleinen Gemeinde Zarnowiec (Zarnowitz). Der Standort liegt rund 60 Kilometer nordwestlich von Danzig, 330 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die polnische Regierung hatte Zarnowiec bereits vor Ostern aus einer Liste von 27 Vorschlägen ausgewählt; endgültig ausgeschieden ist Gryfino (Greifenhagen an der Oder) als Atomkraftstandort.

Die Nachricht hat aber offenbar die deutsche Öffentlichkeit noch nicht erreicht: Noch am Montag dieser Woche, dem Jahrestag des Unglücks von Tschernobyl, hat ein Dutzend Anhänger der Bürgerinitiative „Atomfrei leben in der Uckermark“ bei Schwedt auf der Bundesstraße 166 den Grenzübergang blockiert. Allerdings waren auf polnischer Seite die Würfel wohl schon gefallen, als sich noch im Februar Gryfinos Bürgermeister Henryk Pilat für seinen Ort als Standort mächtig ins Zeug legte.

Die Beauftragte der polnischen Regierung für Atomenergie, Hanna Trojanowska, und der polnische Wirtschaftsminister Waldemar Pawlak wollen, dass der Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks schnell geht. Der Baubeginn soll 2012 sein, 2020 soll das Kernkraftwerk Zarnowiec bereits Strom liefern. Der polnische Energieversorger PGN muss den Auftrag umgehend international ausschreiben. Kosten soll das Kraftwerk zehn Milliarden Euro. Es sind noch zwei weitere Atomkraftwerke in Planung. Polen will mit dem Einstieg in die Atomenergie seine extrem hohe Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen mindern. Gegenwärtig erzeugen Kohlekraftwerke mehr als 90 Prozent des Stroms, der im Land verbraucht wird. Die Anlagen sind veraltet und verhageln Polens Klimabilanz.

In Polen gibt es keinen landesweit organisierten Widerstand gegen Kernenergie. Nach den Medienberichten befürwortet eine Mehrheit den Einsatz der Kernenergie, auch wegen des Versprechens günstiger Energiepreise. Nur in der Nähe des eigenen Wohnortes lehnt die Hälfte der Polen den Bau von Atomkraftwerken ab.

Die Entscheidung, das erste Kernkraftwerk in Zarnowiec zu bauen, war erwartet worden. Am Zarnowitzer See verfügt das polnische Versorgungsunternehmen PGN über weitläufige Grundstücke - auf denen auch die Bauruinen des ersten geplanten polnischen Kernkraftwerks stehen. In den 70er Jahren hatte die damalige polnische Regierung dort vier Reaktoren sowjetischer Bauart bauen lassen wollen – das Vorhaben zog sich in die Länge und endete im April 1986: Nach dem Unglück von Tschernobyl und schließlich der politischen Wende in Polen wurde das Projekt aufgegeben. Die Reaktorruinen am See heißen seitdem im Volksmund nur noch „Zarnobyl“.

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