Polen : Reklame für Raketen

Kritik am Raketenabkommen mit den USA schlägt Polens Premierminister Donald Tusk nicht nur aus Russland entgegen. Auch im eigenen Land muss er wütenden Landsleuten den Sinn des US-Abwehrschirms erst noch erklären.

Knut Krohn[Slupsk]

Donald Tusk war zu keinen Verhandlungen bereit. „Wir diskutieren hier nicht darüber, die geplanten Raketensilos irgendwo anders hin zu verlegen“, erklärte der Premierminister im voll besetzen Saal der Philharmonie im nordpolnischen Slupsk (Stolp). „Wir können aber über Kompensationen sprechen.“ Nach monatelangem Schweigen stellte sich der Regierungschef am Wochenende zum ersten Mal den Fragen der Einwohner von Slupsk und des kleinen Dorfes Redzikowo (Reitz). Dort soll in den nächsten Jahren die Basis für den vor zwei Wochen beschlossenen US-Abwehrschild gebaut werden.

Der Zorn der rund 1000 Anwesenden auf ihre Regierung war mit Händen zu greifen. Niemand aus dem fernen Warschau hatte es für nötig befunden, sie während der monatelangen Verhandlungen über den Stand der Dinge zu informieren. Hilflos mussten sie aus den Medien erfahren, wie ihr kleines Dorf in Westpommern, unweit der Ostseeküste, plötzlich zentraler Teil eines Spieles weltpolitischen Ausmaßes wurde. In dieser Dimension bewegten sich denn auch manche Fragen. „Wartet auf uns ein neues Hiroshima oder Nagasaki?“, schlug es dem Regierungschef an dem Abend entgegen. „Wir in Redzikowo sind doch im Ernstfall das erste Ziel feindlicher Raketen!“

Donald Tusk musste erkennen, dass in Sachen Informationspolitik sehr viel versäumt worden war, und bemühte sich redlich, die Bedrohungslage zu relativieren. „Tatsache ist, dass die Region um Slupsk dank des Raketenschirmes sicherer wird und nicht unsicherer“, erklärte er. Auch von aktuellen Umfragen wollte er sich nicht irritieren lassen, die besagen, dass weit über die Hälfte der Menschen in Slupsk gegen den Raketenschirm ist. „Wenn wir vor jedem Problem ein Referendum abhalten ließen“, hielt der Premier seinen Kritikern entgegen, „würden wir in Polen nichts mehr bauen: keine Schnellstraßen, keine Flugplätze, nichts.“

Die Region scheint prädestiniert für die Stationierung der Abfangraketen. Der Landstrich ist dünn besiedelt, und es gibt dort bereits eine große Militärbasis. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg haben dort die Deutschen einen Flugplatz gebaut, der danach Standort einer polnischen Jagdflugzeugstaffel wurde. Dann kam die Wende, und die Soldaten zogen ab. Als vor rund zehn Jahren Mariusz Chmiel zum Bürgermeister von Slupsk wurde, kam allerdings wieder Bewegung in die vergessene Region. Er machte sich stark für neue Schulen, suchte Investoren und wollte aus dem Gebiet um die ehemalige Militärbasis eine Sonderwirtschaftszone mit einem Geschäftsflugplatz machen. Doch daraus wird nun nichts, und niemand glaubt daran, dass die geplante US-Militärbasis den erhofften wirtschaftlichen Erfolg bringen könnte. Die Bewohner befürchten das Gegenteil: Wer wolle schon neben Raketensilos investieren?

Doch Donald Tusk erklärte bei seinem Besuch in Slupsk, dass die Region keine Nachteile haben werde. So versprach er im Zuge der Installierung der US-Abwehrraketen den Ausbau der Infrastruktur, der Schnellstraße nach Danzig und den Bau eines Gemeindezentrums. Als besondere Dreingabe soll ein seit Jahren geplantes Prestigeobjekt realisiert werden: ein modernes Badezentrum. Nach drei Stunden verließ der Regierungschef die Philharmonie von Slupsk. Auf dem Weg zu seiner dunklen Limousine musste er an einigen Transparenten vorbei. Darauf stand: „Tusk, du hast uns verkauft!“

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