Politik : Polen:Versöhnung bedroht

Präsident und Regierung gegen Vertreibungszentrum in Berlin

Christoph von Marschall

Berlin/Warschau . In Polen haben sich Staatspräsident Aleksander Kwasniewski und die Regierung Miller gegen das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen ausgesprochen und stattdessen eine „europäische Lösung“ gefordert. Kwasniewski, der sich erstmals öffentlich zu dem Thema äußerte, sagte am Freitag im polnischen Rundfunk, das Zentrum habe nur dann einen Sinn, wenn es der Versöhnung der Völker diene und keine Ressentiments schüre. Minister Tadeusz Iwinski, der außenpolitische Berater des Premiers Leszek Miller, sagte dem Tagesspiegel, „zweifelhafte Ansätze“ wie die des Bundes der Vertriebenen (BdV) stellten die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen wieder in Frage. BdV-Präsidentin Erika Steinbach habe im Bundestag gegen die EU-Erweiterung gestimmt, erinnerte Iwinski.

Auch der Sejm, Polens Parlament, hat am Freitag einstimmig einen Appell an die Völker Europas verabschiedet, die historische Wahrheit nicht zu vergessen. Iwinski erläuterte, kurz vor dem Jahrestag des Kriegsausbruchs am 1. September wachse in Polen die Furcht, dass die Deutschen die Geschichte umdeuten wollten und sich nicht mehr als Volk der Täter, sondern als Volk der Opfer begreifen.

Offenbar ist dem geschlossenen Auftreten von Präsident, Regierung und Parlament in Polen eine Abstimmung mit der Bundesregierung vorausgegangen. Nach Iwinskis Worten haben Premier Miller und Kanzler Schröder am Donnerstag ein halbstündiges Telefonat geführt. Kwasniewski sagte, er sei seit Juli im Gespräch mit dem Kanzler, dem Bundespräsidenten Rau sowie Vertretern anderer Staaten Mitteleuropas.

Sowohl Kwasniewski als auch Iwinski betonten, natürlich hätten auch die Deutschen das Recht, an das ihnen angetane Leid und Unrecht zu erinnern. Doch dürfe man nicht vergessen, „was Ursache und was Wirkung war“. Als Ausweg schlug Iwinski vor, der Europarat solle die Schirmherrschaft für ein europäisches Zentrum gegen Vertreibungen übernehmen.

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