Polen : Weihwasser gegen Schwule

Tausende Homosexuelle marschieren durch Warschau – für Polens Politik eine besondere Herausforderung. Die meisten Parlamentarier machen einen großen Bogen um die Veranstaltung.

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Demo und Gegendemo. In Warschau haben Rechtsradikale versucht, die Lesben- und Schwulenparade „Europride“ zu stoppen. Hier treffen die beiden Gruppen aufeinander.
Demo und Gegendemo. In Warschau haben Rechtsradikale versucht, die Lesben- und Schwulenparade „Europride“ zu stoppen. Hier treffen...Foto: dpa

Kaum eine Viertelstunde unterwegs, flogen in Warschau die ersten Eier, Flaschen und Rauchbomben auf die Teilnehmer der „Europride“. „Euro-Sodomie hat keine Zukunft“, stand auf Transparenten wenige Schritte später. Statt mit Rauchbomben wurden hier die Marschierenden mit Weihwasser besprengt. Tausende wurden von der ersten internationalen Schwulenparade in Polen nach Warschau gelockt, darunter Politiker wie der deutsche Grüne Volker Beck. Im Gegensatz zu dem vom damaligen Stadtpräsidenten Lech Kaczynski verbotenen Homosexuellen- Marsch von 2005 war „Europride“ eine offiziell genehmigte Veranstaltung. Warschaus liberale Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz hielt sich jedoch vornehm im Hintergrund. Einen großen Bogen um die Veranstaltung machten auch die meisten polnischen Parlamentarier. Einzig die Vereinigte Demokratische Linke (SLD) entsandte vier Vertreter auf eine Wagenplattform – darunter die graue Eminenz Ryszard Kalisz.

Die anderen Parteien hätten auf die Einladung nicht einmal reagiert, klagte der polnische Organisator Tomasz Baczkowski von der Stiftung „Gleichheit“. Die erstmals in Osteuropa stattfindende „Europride“ kommt in Warschau sehr bescheiden daher. Die Organisatoren hatten bis zu 20 000 Menschen erwartet, 8000 waren es dann laut Polizeiangaben tatsächlich. Noch immer ist Homosexualität in Polen ein Tabu – vor allem außerhalb der großen Zentren. Welchen Riesenschritt Warschau allerdings in den fünf Jahren seit Kaczynskis Stadtherrschaft gemacht hat, fiel am Samstag wieder auf. Schaulustige Familien mit Kindern hatten sich nicht nur entlang der Marschroute aufgestellt, viele liefen gleich in dem fröhlichen Zug mit.

Dieser bewegte sich fünf Stunden lang beschützt von 2000 Bereitschaftspolizisten durch die Innenstadt. Nicht weniger als fünf Gegendemonstrationen waren im Vorfeld angemeldet worden. Am Abend bestätigte die Polizei die Festnahme von acht rechtsradikalen Gegendemonstranten. Ein Polizist wurde bei Auseinandersetzungen mit Neofaschisten des Völkisch-Radikalen Lagers (ONR) schwer verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Die konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“ warf Homosexuellen unterdessen in einem Kommentar vor, sich als Opfer zu stilisieren und sich dabei selbst intolerant zu verhalten: „Heute reicht es nicht mehr aus, ihre auf Privatsphäre beschränkte Lebensweise zu tolerieren. Man muss unbedingt auch Verständnis für ihre Zügellosigkeit sowie sittliche und religiöse Provokationen haben.“

Die rechtsradikale „Allpolnische Jugend“, die Präsidentschaftskandidat Jaroslaw Kaczynski in den Jahren 2006/2007 in seine Regierungsmannschaft eingebunden hatte, veranstaltete zusammen mit Neonazis einen von wenigen hundert Teilnehmern besuchten Grunwald-Marsch zur Förderung der „nationalen Ehre“. Ein „Marsch zur Verteidigung der christlichen Wurzeln Europas“ nutzte etwas früher die gleiche Route wie „Europride“. Verteilt wurden Mini-Bibeln, auch wurde gebetet. Hochrangige Vertreter der polnischen katholischen Kirche befürchteten im Vorfeld, ein Ziel von „Europride“ sei es, Homosexuelle davon abzuhalten, bei der Kirche therapeutische Hilfe für ihre Krankheit zu suchen. Eine einfachere Lösung schlug jener Gegendemonstrant vor, der am Dreikreuz-Platz das Transparent „Perverse nach Berlin!“ in die Höhe hielt.

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