Politik : Polens erstes Atomkraftwerk soll nicht vor 2020 entstehen

Thomas Roser

Warschau - Polen plane ein „Atomkraftwerk an der Oder“, vermeldeten Presseagenturen in dieser Woche. Die Stettiner Lokalzeitung „Glos Szczecinska“ hatte in einem Bericht unter Berufung auf polnische Atomwissenschaftler den Ort Gryfino nahe der deutschen Grenze als möglichen Standort für Polens ersten Atommeiler genannt. Konkrete Baupläne gibt es bisher jedoch nicht. „Wir wissen davon nichts“, sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums am Donnerstag.

Warschau hatte bereits Ende 2004 prinzipiell grünes Licht für den Einstieg in die Atomkraft gegeben. In den nächsten 20 Jahren werde der Strombedarf um 80 bis 93 Prozent steigen, prognostizierte das Wirtschaftsministerium im Januar 2005 in seinem Bericht über „Polens Energiepolitik bis 2025“. Um den zunehmenden Bedarf zu decken und gleichzeitig den CO2-Ausstoß gemäß der Verpflichtungen des Kyotovertrags zu reduzieren, will Warschau außer auf Kohle verstärkt auf Gas, effektivere Energienutzung, aber auch auf Atomkraft setzen.

Die Inbetriebnahme eines ersten Meilers ist in dem Papier für 2021/22 anvisiert. Der Bau eines Kernkraftwerks vor 2020 werde als „unmöglich“ betrachtet, ist in einer Fußnote bemerkt. Für ein Land, das kaum Erfahrung mit Atomkraft habe, sei ein „Investment-Prozess von zehn Jahren“ nötig. Zuvor müssten fünf weitere Jahre für die „soziale Kampagne“ zur Akzeptierung der Atomkraft veranschlagt werden.

Nach einer von der Staatlichen Atomagentur 2004 in Auftrag gegebenen Umfrage ist der Anteil der Atomkraftgegner in Polen seit 1989 von 56 auf 38 Prozent gesunken. Doch tatsächlich sind die Vorbehalte in der Bevölkerung noch immer groß. „Wenn die Regierung auf den Plan zurückkommen sollte, hier ein AKW zu bauen, wären die Proteste noch stärker als 1990,“ warnte bereits vor Jahresfrist Bohdan Sokolek, Bürgermeister der Ostseegemeinde Zarnowiec, deren Einwohner schon vor 16 Jahren einen Baustopp für Polens ersten geplanten Meiler erzwangen.

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