Politik : Policen ohne Panik

LEBENSVERSICHERUNGEN

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Von Heike Jahberg

Nun kommt es knüppeldick: Zur Angst um den Job gesellt sich jetzt auch noch die Angst vor der Armut im Alter. Millionen Deutsche haben bei ihrer Altersvorsorge auf kapitalbildende Lebensversicherungen gesetzt. Sie wissen: Die Ruheständler von morgen können sich nicht darauf verlassen, allein mit der gesetzlichen Rente über die Runden zu kommen. Deshalb haben sie zusätzlich vorgesorgt. Doch die Börsenkrise hat jetzt die Lebensversicherer erreicht. Seit Wochen häufen sich die Berichte über Schieflagen von Versicherungsgesellschaften, die sich an der Börse verspekuliert haben. Statt Vertrauen herrscht Verunsicherung: Viele Kunden fürchten um ihr Geld und wollen nur noch eines – raus aus der Lebensversicherung.

Doch nichts wäre falscher. Wer jetzt aussteigt, zahlt drauf. Kunden, die erst vor ein oder zwei Jahren eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen haben, bekommen bei einer Kündigung noch nicht einmal ihre eingezahlten Beiträge zurück. Denn die ersten Prämienzahlungen werden fast vollständig vom Vertreterhonorar aufgefressen. Außerdem drohen steuerliche Nachteile, wenn man die Police nicht mindestens 12 Jahre lang behält. Und: Entgegen aller Panikmache – das Ersparte ist sicher. Niemand muss befürchten, dass sein Vertrag von heute auf morgen wertlos ist. Für die Überschussbeteiligungen, die in der Vergangenheit angefallen sind, müssen die Unternehmen Rückstellungen bilden, die vor dem Zugriff der Versicherungsgesellschaften geschützt sind. Alle Versicherer werden zudem kontinuierlich von den Aufsichtsbehörden überwacht.

Noch niemals ist in Deutschland ein Lebensversicherer in Konkurs gegangen. Und die Branche wird alles Erdenkliche tun, dass das auch so bleibt. Denn eine Unternehmenspleite wäre schlecht fürs Geschäft. Wenn die Kapitallebensversicherung ihren Ruf verspielt, eine grundsolide Anlage zu sein, leiden darunter alle. Es ist daher kein Wunder, dass die großen Versicherer bereit sind, Opfer zu bringen. Um einen Imageschaden abzuwenden, haben die Marktführer versprochen, notfalls für angeschlagene Konkurrenten in die Bresche zu springen und deren Bestände zu übernehmen. Die Einzelheiten eines solchen Notfallfonds sollen demnächst bekannt gegeben werden. Zu weiter gehenden Modellen - etwa einem Konkurssicherungsfonds - hat man sich nicht durchringen können. Das ist bedauerlich, denn der Notfallfonds hat einen Schönheitsfehler: Die Kunden des übernommenen Unternehmens bekommen höchstwahrscheinlich schlechtere Konditionen als die Versicherten der übernehmenden Gesellschaft.

Federn lassen müssen die Versicherten aber noch aus einem anderen Grund. Bleiben die Börsen flau, werden die Versicherer im kommenden Jahr deutlich geringere Renditen zahlen als in der Vergangenheit. Wer in der Hoffnung auf satte Überschüsse eine Lebensversicherungspolice abgeschlossen hat, wird sich wundern. Der Traum von Gewinnen jenseits der Sieben-Prozent-Grenze ist erst einmal ausgeträumt.

Schuld an den Luftschlössern waren nicht nur die Unternehmen, die mit hohen Erträgen geworben haben. Schuld waren auch die Verbraucherschützer. Jahrelang haben sie kleine Gesellschaften empfohlen, die ihre Überschüsse zeitnah an die Kunden ausgeschüttet haben, statt mit dem Geld der Versicherten ihre stillen Reserven weiter auszupolstern. Jetzt dreht sich der Wind: Die einstigen Lieblinge der Verbraucherszene müssen ihre Renditeversprechen drastisch kürzen, einige werden als Pleitekandidaten gehandelt. Die Großen mit ihren milliardenschweren Rücklagen gehen vorläufig als Gewinner aus der Krise hervor.

Gewinnen können aber auch andere: Alternative Vorsorgemodelle könnten der Kapitallebensversicherung den Rang ablaufen. Zu Recht. Denn die Kombination aus Geldanlage und Versicherung ist teuer und wenig effektiv. Die aktuelle Krise könnte daher auch ihr Gutes haben: Indem sie die Verbraucher dafür sensibilisiert, sich Gedanken über ihre Lebensplanung zu machen und das für sie individuell beste Vorsorgemodell auszusuchen. Das kann ein Riester-Vertrag sein, eine Immobilie, ein Fondssparplan oder eine private Rentenversicherung. Eine neue Kapitallebensversicherung aber besser nicht.

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