Politik : Polit-Comeback: Die Rückkehr des Elder Statesman Helmut Kohl

Robert Birnbaum

Es liegt eine gewisse gespannte Erwartung über dem Saal, wie das eben so ist bei Premierenvorstellungen. Offiziell heißt das Stück, das die FDP am Dienstagvormittag im Schiller-Theater inszeniert hat, "Zehn Jahre Zwei-plus-Vier-Vertrag" ; Hauptdarsteller: Hans-Dietrich Genscher und Michail Gorbatschow. Die gespannte Aufmerksamkeit gilt allerdings einem Dritten, der kurz vor Beginn der Vorstellung in der ersten Zuschauer-Reihe Platz nimmt, vom Publikum mit freundlicher Anteilnahme beklatscht: Helmut Kohl, am Vortag bereits wieder in die Reihen der Unionsfraktion aufgenommen, kehrt hier nach monatelanger Verbannung zurück unter die Elder Statesmen dieses Planeten.

Das allein wäre schon eine Notiz wert. Aber Helmut Kohl hat sich mehr vorgenommen für diesen Tag. Denn er hat jemanden auf der Gästeliste entdeckt. Der kommt kurz nach ihm; auch er wird freundlich beklatscht, als er seinen Rollstuhl vorne im Mittelgang platziert. Genau in diesem Moment steht Helmut Kohl auf, geht die vier Plätze nach links und gibt Wolfgang Schäuble die Hand. So schnell geht das, dass viele im Zuschauerraum gar nichts mitkriegen von dieser bedeutsamsten Szene der ganzen Aufführung.

Es ist der erste Händedruck zwischen dem Ex-CDU-Vorsitzenden und seinem zeitweiligen Nachfolger seit Monaten. Ob Schäuble, der um die Wirkungsmacht solcher Symbole nur zu genau weiß, die Geste billigt oder sie über sich ergehen lassen muss, ist von den Rängen aus nicht zu erkennen. Die näher dran sind, schwören, Schäuble habe beiseite geschaut.

Seit jenem gespenstischen Gespräch, bei dem der Noch-CDU-Chef Schäuble ein letztes Mal den Damals-Noch-Ehrenvorsitzenden beschworen hat, die Namen seiner Spender zu nennen, sind sie sich aus dem Weg gegangen. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass der Alte dem Jüngeren ungebeten nahe tritt - wie damals, als er ihn nach dem Leipziger Parteitag per Fernsehinterview zum Nachfolger ausrief. Genau so, wie jener Auftritt damals Teil eines größeren Stücks war mit dem Titel "Der Kampf um Bonn", stellt die Szene an diesem Dienstag nur einen Akt eines Mehrteilers dar mit der Überschrift: "Die unaufhaltsame Rehabilitierung des Helmut Kohl."

Es hätte für dieses Stück der weiteren Szenen gar nicht mehr bedurft: Wie Gorbatschow und Genscher dem "Kanzler der Einheit" die Hand schütteln. Wie FDP-Chef Wolfgang Gerhardt ihn noch einmal ausdrücklich begrüßt als einen, der bei einer solchen Gedenkfeier nicht fehlen sollte. Wie Genscher in einer Rede, die zeitweise vergessen lässt, dass da nicht der amtierende Außenminister spricht, sondern ein ehemaliger, den Weggefährten lobt als einen, für den die deutsche Einheit stets "Herzenswunsch, aber auch Ziel einer gemeinsamen Politik" gewesen sei.

Und wie am Ende die drei älteren Herren, von Kohl schulterklopfend vereint, durch die Menge drängen zum Stehempfang, begleitet von drei eher zaghaften "Helmut" Rufen, vielen Kameras und etlichen Autogrammjägern. "Niemandem wird es gelingen, die Leistung der Politiker zu schmälern, die diesen Vertrag zustande gebracht haben", hat Gorbatschow gesagt. Und Helmut Kohl hat ganz leicht dazu genickt.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar