Politik : Politik 2000: Demokratischer Aufbruch

Stephan Israel

Über dem Gebäude im neoklassizistischen Stil steigen dunkle Rauchwolken auf. An den Fenstern erscheinen die ersten Demonstranten. Porträts von Slobodan Milosevic, Sessel und Tische fliegen durch die Fenster auf den Platz. Tausende von Wahlzetteln folgen hinterher: Im Gebäude des Bundesparlaments hatte auch Jugoslawiens Wahlkommission, die Oppositionskandidat Vojislav Kostunica den Sieg verweigern wollte, ihren Sitz. Die halbe Million Protestierer auf dem Platz der Republik reibt sich - von Tränengaswolken eingenebelt - die Augen und fragt sich, was genau vor dem Bundesparlament passiert. "Das Parlament brennt", so der Ruf, der sich später wie ein Lauffeuer über den Platz und in der ganzen Stadt verbreitet.

In Belgrad wurde Geschichte geschrieben an diesem sonnigen Herbstnachmittag. Zunächst hatte alles so ausgesehen, als wäre es nur eine unbedeutende Demonstration wie so viele zuvor während der dreizehnjährigen Milosevic-Ära. Und dennoch war alles ganz anders: Bisher waren die Belgrader mit ihrem Protest gegen das Regime allein geblieben. An diesem 5. Oktober kam die Provinz in die Hauptstadt. Ein Konvoi aus Autobussen, Privatwagen und bedrohlichen Baumaschinen suchte sich den Weg durch die Straßensperren. Die Hilfstruppen des Autokraten waren zwar postiert, um den Sternmarsch außerhalb der Hauptstadt zu stoppen. Armee und Polizei leisteten jedoch keinen oder nur noch symbolischen Widerstand. Die Männer aus der Provinz kamen nach Belgrad, um den Autokraten ein für alle Mal von der Macht zu vertreiben. Und von diesem Ziel ließen sie sich auch durch Tränengas nicht abschrecken.

Um 15 Uhr 30 brannten mehrere Polizeifahrzeuge, die hinter dem Parlamentsgebäude geparkt worden waren. Kurz vor 16 Uhr zog sich der zum Schutz des Gebäudes stationierte Polizeikordon zurück, einzelne Beamte nahmen ihre Helme ab und solidarisierten sich mit den Demonstranten. "Das Volk hat das Parlament erobert", meldete Serbiens Opposition wenige Minuten später. Das Geschehen verlagerte sich zum nahen Gebäude des verhassten serbischen Staatsfernsehens, das wenig später in Flammen aufging. Um 19 Uhr zeigte sich Jugoslawiens neuer Präsident Vojislav Kostunica auf dem Platz der Republik dem "befreiten Serbien".

Slobodan Milosevic hatte seinen plötzlichen Abgang am Ende selber provoziert. In einem Anfall von Realitätsverlust hatte er sich der Volkswahl gestellt und verloren. Das Volk wollte den massiven Wahlbetrug nicht einfach hinnehmen und versammelte sich hinter dem populären Herausforderer Kostunica.

Von Slobodan Milosevic war an jenem Herbstnachmittag des 5. Oktober nichts zu vernehmen. Die Zurückhaltung von Polizei und Armee machte klar, dass der Autokrat sich auf seine Machtinstrumente nicht mehr verlassen konnte. Der "starke Mann" stand plötzlich nackt und schwach da.

War es ein spontaner Volksaufstand gegen den Wahlbetrug durch das Regime - oder ein gut vorbereiteter Coup? Serbiens Demokratische Opposition konnte nach Absprachen mit Teilen der Armee und der Polizei darauf hoffen, dass der Sternmarsch nicht im Blutbad enden würde. Eine Portion Glück war auch mit im Spiel, als die Zeit Milosevics zu Ende ging.

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