Politik : Politik 2000: Putins Katastrophe

Doris Heimann

Am Montag, dem 14.August, teilte Russlands Marine-Oberkommando morgens um 9 Uhr mit, an Bord des Atom-U-Boots Kursk habe es einen Störfall gegeben. Was russischen Zeitungen zunächst nur eine kleine Notiz auf der ersten Seite wert war, wuchs sich schnell zu einer Katastrophe für Russlands Kriegsflotte aus: Das hochmoderne U-Boot war nach einer Explosion in der Barentssee untergegangen und hatte 118 Mann Besatzung in den Tod gerissen.

Die folgenden Tage mit ihren vergeblichen Rettungsversuchen wurden nicht nur zur internationalen Blamage der einstigen Supermacht. Sie markierten auch das persönliche Versagen eines Mannes, von dem sich viele in Russland zunächst erhofft hatten, er werde ihr marodes Land aus der Krise führen: Präsident Wladimir Putin. Dass er sich tagelang nicht am Unglücksort blicken ließ, wurde Russlands neuem starken Mann als unverzeihliche Schwäche ausgelegt. Dabei hatte das Jahr 2000 so gut angefangen für Putin. Symbolträchtig zum Jahrtausendwechsel hatte Boris Jelzin das Zepter an seinen Zögling weitergereicht. Putins Durchgreifen in Tschetschenien machte ihn populär, ebenso sein Versprechen, Russland wieder etwas von dem alten Großmacht-Glanz zurückzugeben. Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 26. März erhielt er auf Anhieb im ersten Wahlgang knapp 53 Prozent der Stimmen.

Doch dann sinkt die Kursk - und mit ihr auch ein Teil der Hoffnungen, die viele Russen in ihren neuen Präsidenten gesetzt hatten. Bei den Bergungsversuchen unterlaufen der russischen Führung eklatante Fehler. Hilfsangebote des Westens werden großspurig zurückgewiesen. Erst drei Tage nach dem Unglück fordert Moskau die Hilfe norwegischer und britischer Tiefseetaucher an. Den Spezialisten gelingt es, eine Luke des in 108 Metern Tiefe liegenden U-Boots zu öffnen. Doch das Wrack ist komplett mit Wasser gefüllt, Überlebende gibt es keine mehr.

Als Putin schließlich doch noch im Marinestützpunkt Seweromorsk eintrifft, schlägt ihm die Wut und Verzweifelung der dort versammelten Angehörigen der Kursk-Seeleute entgegen. Für Empörung in der russischen Öffentlichkeit sorgen auch die Lügen, mit denen die Marine versucht, die Umstände des Unglücks zu vertuschen. Unmittelbar nach der Havarie ist noch von Klopfzeichen Überlebender die Rede, wenige Tage später heißt es, die Mannschaft sei sofort nach der Katastrophe tot gewesen.

Als im Oktober die Bergung der Leichen aus dem Wrack beginnt, wird eine Vermutung grausige Gewissheit: Aus einem handgeschriebenen Zettel in der Jacke eines Offiziers geht hervor, dass 23 Männer die Explosion an Bord überlebt und vergeblich auf Rettung gewartet hatten. Doch als dieses schockierende Detail bekannt wird, haben sich die Menschen in stiller Verzweifelung längst damit abgefunden, dass der Staat sie in ihrer Not allein lässt.

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