Politik : Politik mit dem Hunger

Nordkorea verlangt den Stopp ausländischer Lebensmittellieferungen

Harald Maass[Peking]

Nordkorea hat ausländische Hilfsorganisationen aufgefordert, die Verteilung von Nahrungsmitteln an die Bevölkerung bis Ende des Jahres einzustellen. Vertreter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP), das derzeit rund 6,5 Millionen Kinder, Schwangere und Alte in dem abgeschotteten Land ernährt, befürchten nun eine neue Hungerkatastrophe. Auf Wunsch Pjöngjangs haben das WFP und andere internationale Hilfsorganisationen bereits ihre Programme zur Lebensmittelverteilung gekürzt.

Das Regime begründete das Vorgehen damit, eine „Kultur der Abhängigkeit“ in der Bevölkerung verhindern zu wollen, sagte der WFP-Direktor für Nordkorea, Richard Ragan, in Peking. „In Wirklichkeit gibt es jedoch noch viele Menschen, die in dieser Übergangsphase Hilfe brauchen.“ Nordkorea erhält seit Mitte der 90er Jahre, als das staatliche Verteilungssystem zusammenbrach, riesige Mengen an Reis und Getreide aus dem Ausland. Zeitweise ernährte das WFP ein Drittel der 23 Millionen Nordkoreaner.

Insgesamt erhielt Nordkorea in der vergangenen Dekade Nahrungsmittel im Wert von zwei Milliarden US-Dollar, wovon rund 600 Millionen Dollar von den USA gespendet wurden. Nordkoreas Landwirtschaft ist hoffnungslos veraltet, das staatliche Kolchosesystem ineffizient. Obwohl Experten dieses Jahr mit einem Erntezuwachs von zehn Prozent rechnen, vor allem dank guter Witterung, reicht das Getreide nicht zur Ernährung der Bevölkerung. „Nordkorea hält ideologisch noch immer an der Fantasie einer Autarkie fest“, schrieben die Nordkorea- Experten Stephan Haggard und Marcus Noland vor kurzem in der „Washington Post“. Dabei liege die Getreideproduktion noch immer unter dem Niveau von 1990.

Ausländische Helfer dürfen bis heute nur unter starken Einschränkungen in Nordkorea arbeiten. Dem WFP gestattet das Regime weniger als 50 Mitarbeiter im Land, die in abgeschirmten Wohnanlagen leben müssen. Um freien Kontakt zur Bevölkerung zu verhindern, dürfen auch keine Helfer mit Sprachkenntnissen ins Land. „Das WFP kann die Lieferungen noch immer nicht vom Hafen zu den Empfängern kontrollieren“, schreiben Haggard und Noland. Sie schätzen, dass „bis zur Hälfte aller Hilfslieferungen“ nicht die Empfänger erreicht und stattdessen beim Militär landet oder auf Märkten verkauft wird.

Warum Nordkorea die Hilfslieferungen zurückweist, weiß niemand. Möglicherweise spekuliert das Regime auf Getreide- und Reislieferungen aus China und Südkorea, die es als Ausgleich für ein Entgegenkommen im Atomstreit erhalten könnte. Anders als das WFP verlangen Peking und Seoul von Nordkorea keine Rechenschaft über die Verteilung von Hilfslieferungen. Sollte das Getreide jedoch nicht ausreichen, rechnen Experten mit einer neuen Hungersnot. Bis zu einer Million Nordkoreaner sind Mitte der 90er Jahre verhungert. Einer Studie der Kinderhilfsorganisation Unicef zufolge sind bis heute ein Drittel aller kleinen Kinder chronisch unterernährt und zum Teil kleinwüchsig. Die Mangelernährung führt bei vielen auch zu geistiger Unterentwicklung.

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