Politik : Politik mit Krücke

Markus Feldenkirchen

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

In der Politik wurden schon viele Mittel ausprobiert, um die eigene Position durchzusetzen. Zu den beliebtesten gehört die Drohung mit dem Rücktritt. Vor allem der amtierende Kanzler hat schon sehr gute Erfahrungen mit diesem Instrument gemacht, was man allein daran erkennen kann, dass er immer noch amtiert. Die Krücke dagegen wurde in der politischen Auseinandersetzung bislang unterschätzt. Vor allem in der SPD, die ein eher distanziertes Verhältnis zur Anwendung von Gewalt pflegt.

Auf der dritten Regionalkonferenz der SPD in Hamburg aber erwies sich die Krücke als hoch effizient. Schnell hatte sich in der Fischauktionshalle ein Chefkritiker von Schröders „Agenda 2010“ herauskristallisiert – ein älterer Herr im lilafarbenen Anzug aus Reihe sieben, der den Kanzler mit frechen Zwischenrufen aus dem Konzept bringen wollte. Mal nannte er den Kanzler einen „Bubi“, später konzentrierte er sich auf den Ausruf „Jawohl, Herr Westerwelle“, was Schröder, der den Herrn noch aus niedersächsischen Zeiten kannte, zu der Einschätzung brachte: „Du bist wirklich ein Trottel geworden, weißt du das?“ Vermutlich wäre die Auseinandersetzung eskaliert, hätte nicht ein noch älterer Herr in Stockweite des Störenfrieds gesessen. Wann immer dieser zum Widerspruch ansetzte, erhob der schröderfreundliche Rentner seine Krücke und hatte mit dieser Variante der Eindämmungspolitik Erfolg: Den Gummistumpf der Krücke vor Augen, dämpfte der Schreihals immer wieder seine Erregung. Die spätere Rangelei mit einem anderen SPD-Mitglied konnte der Krückenbesitzer dennoch nicht verhindern. Da musste Schröder von der Bühne aus schon selbst für Ruhe sorgen. Diesmal nicht mit einer Rücktrittsdrohung, sondern mit dem ursozialdemokratischen Slogan: „Nun seid mal friedlich da unten!“

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