Politik : Politik – wichtigste Nebensache der Welt

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Von Albrecht Meier

15 Staats- und Regierungschefs werden am heutigen Freitag beim EU-Gipfel in Sevilla erwartet, aber drei von ihnen werden dem Treffen wegen der Fußball-WM nicht uneingeschränkt folgen können.

Drei europäische Mannschaften im Viertelfinale – die Quote ist nicht überragend, lässt sich aber nach dem Ausscheiden der Favoriten Frankreich, Portugal und Italien nicht mehr ändern. Deren Vertreter dürften in Sevilla immerhin voll bei der Sache sein. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat dafür das Problem, dass die deutsche Nationalmannschaft im südkoreanischen Ulsan am Freitag genau zu dem Zeitpunkt ihren Spielbetrieb gegen die USA aufnimmt, da der EU-Gipfel eigentlich beginnen sollte.

Der Kampf gegen die illegale Einwanderung ist das zentrale Thema dieses Treffens, was vor allem auf den Wunsch von Spaniens Premierminister José Maria Aznar zurückgeht. Noch am Donnerstag forderten Spaniens Gewerkschaften den Regierungschef bei einem landesweiten Generalstreik zu einer Machtprobe heraus. Am Samstagmorgen steht Aznar vor einer Entscheidung, die ihm weniger Vollstrecker-Qualitäten als diplomatisches Fingerspitzengefühl abverlangt: Soll er das Spiel seiner Mannschaft gegen Südkorea verfolgen oder den Bericht des Präsidenten des EU-Konvents, des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing? Als gegenwärtiger EU-Ratspräsident kann Aznar die Sitzung am Samstagmorgen schlecht schwänzen, zumal es im EU-Konvent um weit reichende Reformen der Europäischen Union geht. Nach dem derzeitigen Gipfel-Zeitplan könnte Aznar immerhin noch die erste Halbzeit des Spanien-Spiels mitbekommen, bevor Giscard d’Estaing den Staats- und Regierungschefs seinen Bericht vorlegt.

Großbritanniens Premier Tony Blair hat sich von vornherein einen taktischen Raumgewinn verschafft: Er will am Freitagvormittag erst David Beckham gegen Brasilien spielen sehen, bevor er sich auf den Weg nach Sevilla macht. Nachdem der spanische Generalstreik am Donnerstag den Flugverkehr blockierte, wird Blair allerdings nicht der einzige Gipfelteilnehmer sein, der spät am Ort des Geschehens eintreffen dürfte. Was kein Schaden sein muss: Künftig sollen EU-Gipfel nach der Planung einer Reformgruppe um den Spanier Javier Solana ohnehin kürzer sein.

Die Konkurrenz zum Fußball wird dem Gipfel aber wohl wenig anhaben – so wie seinerzeit im Mai 1998, als der ehemalige Zweitligist Kaiserslautern Deutscher Meister wurde. Das war an einem Samstag, als Helmut Kohl in Brüssel mithelfen sollte, den Euro aus der Taufe zu heben. Der Pfälzer ließ sich lieber über den Spielstand der Lauterer informieren – den Euro gab es dann später, gegen Mitternacht.

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