Politik : Politiker an Gans

Bernd Ulrich

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Zurzeit ist es in den Restaurants von Mitte wirklich die Hölle. Nicht dass die neue deutsche BAT-II-a-Armut ihre Hungerkralle mittlerweile sogar nach den schicken Lokalitäten der politisierenden Klasse ausgestreckt hätte, der kalte Wind durch die Hallen fegte, während fast schon arbeitslose Kellner resigniert ihr Kleingeld zählen. Nein, so ist es nicht. Im Gegenteil. Wer in diesen eher besinnungslosen als besinnlichen Tagen zu zweit mal Essen gehen will und eines der einschlägigen Lokale betritt, der stößt mit absoluter Sicherheit auf eine Gruppe von Leuten, die ihm irgendwie bekannt vorkommen und sich in aufgeräumter Jetzt-wollen-wir-mal-ganz-locker-sein-Stimmung befinden, auf eine politische Weihnachtsfeier also.

Da sitzt dann die Presseabteilung der FDP um eine Gans herum, oder die grünen Fraktionschefinnen beköstigen drei Dutzend Journalisten und reden mehrere Gänge lang über die Unvereinbarkeit von Amt und Mandat, Politik und Journalismus sowie von Mann und Frau. Auch die Volksparteien machen ihre Weihnachtsfeiern; es ist halt nur noch ein Haufen Volks dabei. Wogegen im Prinzip nichts zu sagen ist, schließlich sind Weihnachtsfeiern ein Menschenrecht. Nur für die am Nachbartisch kann die Angelegenheit ein bisschen peinsam werden. Denn entweder langweilt sich die Weihnachtsclique und schweigt sich an. Dann können Sie hören, was man sagt. Oder sie amüsiert sich kräftig. Dann ist sie so laut, dass man sich selbst nicht mehr unterhalten kann.

Und worüber würde man sich unterhalten, wenn man könnte? Über den Kanzler und den Vizekanzler und dass die beiden jetzt mal wirklich Urlaub brauchen. Aber nicht nur sie, nicht nur sie.

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