Politikpsychologe über Guttenberg : "Er taktiert beinhart"

Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Universität Hamburg. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht er über die Affäre Guttenberg.

Thomas Kliche.
Thomas Kliche.Foto: Mike Wolff

Herr Kliche, seit Tagen diskutiert Deutschland heftig über den Fall Karl-Theodor zu Guttenberg. Was sagt dieser aus über die politische Klasse?

Erst mal denkt man: Mit der Moral nehmen sie es nicht so ernst, das haben wir immer befürchtet. Und müssen die verzweifelt sein, dass sie den Mogelfritzen halten! Dann sieht man, sie haben die Gunst der Stunde taktisch genutzt und den Schnellstarter ins Team eingebunden. Die Kanzlerin und sein Parteivorsitzender halten ihn, er ist ihnen jetzt verpflichtet und in die zähen Bande der berufspolitischen Seilschaften verwickelt. Und zuletzt kommt man auf Bedenken, wie leicht sich schwache Regierungen unter Druck setzen lassen, wenn mächtige Stimmungsmedien Stars aufbauen und damit Positionen anschieben oder windige Entscheidungen glattbügeln.

Bildungsministerin Schavan schämt sich. Wie glaubwürdig ist das?

Politiker haben nicht allein die Wählerinnen als Zielgruppe, sondern auch die Medien, ihre Parteien und deren Funktionäre und die Netzwerke im Hintergrund. Bei denen sind Prinzenmörder schnell unten durch. Der Ruf der Illoyalität ist ein schlimmeres Risiko für Politikerkarrieren als Mittelmaß oder gemäßigte Unehrlichkeit.

Merkel sagt, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, fordert aber die „Bildungsrepublik“ und kritisiert China wegen Diebstahls geistigen Eigentums.

Der Fall macht deutlich, wie wenig Respekt für ernsthafte geistige Arbeit übrig ist. Da fehlt jedes Verständnis für die handwerklichen Grundlagen, wie man Gedanken erzeugt, die was taugen, und wie viel persönliche Redlichkeit das fordert. Psychologisch funktioniert das nur, weil die Menschen diese Sehnsucht nach echten, ehrbaren, tatkräftigen Führungspersönlichkeiten haben.

Wenn man Herrn Guttenberg zuhört, hat man das Gefühl, er sei das Opfer.

Er taktiert beinhart, ein gewiefter Jurist. Er hat Fehler eingestanden, das wirkt ehrlich. Aber die Fehler sind so armselig, dass man sich schämen müsste, sie ihm vorzuhalten: Er hat mal den falschen Tag eines Vortrags angegeben. Oder er hat als Halbgott versagt – gleichzeitig leidenschaftlicher Politiker, fürsorglicher Familienvater und begabter Wissenschaftlicher sein – klar, keiner ist Supermann, aber es ist doch ehrbar, es zu versuchen. Sozialpsychologisch spielt er genial die Klaviatur der defensiven Selbstdarstellung – verleugnen, Verantwortung bestreiten, verharmlosen.

Was könnte er tun?

Tätige Reue: Verzicht, Wiedergutmachung, Neubeginn. Er sollte sich nach seinem Rücktritt für Wissenschaft engagieren und den Menschen verdeutlichen, ernsthafte Erkenntnis ist mir wichtig.

Das Gespräch führte Armin Lehmann.

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