Politik : Politikwissenschaft: Keine Leistung, kein Niveau, kein Nutzen?

Oliver Schmolke

Streit, Vorwürfe, Lagerbildung, Zerissenheit - um welches Lehrfach an den Universitäten hätte es mehr Konflikte gegeben als um die Politische Wissenschaft? In Berlin fällt das Aufstöhnen der genervten Öffentlichkeit ganz besonders auf. Das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität erweckt noch immer das Bild eines Sündenpfuhls, der von linksesoterischen Hochschullehrern und lernunwilligen Studierenden bevölkert ist. Eine Schule für halbgebildete Schwätzer und Schwätzerinnen. Keine Leistung, kein Niveau, kein Nutzen.

Halt! ruft Wilhelm Bleek. Die Lehre von der Politik sei eine der ältesten Disziplinen überhaupt. Von Aristoteles als dem ersten Politologen geht die Ahnenreihe in Deutschland über Thomas von Aquin und Albertus Magnus durch die mittelalterlichen zu den neuzeitlichen Universitäten, von der Scholastik zur praktischen Staatslehre der Kameralistik und weiter zur Realpolitik der Machtverhältnisse bei Friedrich Christoph Dahlmann Mitte des 19. Jahrhunderts.

Bleeks "Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland" ist um Ehrenrettung für ein verrufenes Fach bemüht. Er sagt es offen. Wo der akademische Verteilungskampf bis aufs Messer tiefer finanzieller Einschnitte geführt wird, müsse auch der Politologe ein gewichtiges Erbe ins Feld führen, um gewappnet zu sein. Dies rührt an den Ursprungsmythos der traditionslosen Wissenschaft, die als Demokratielehre ein Kind des 20. Jahrhunderts sei und in Deutschland erst nach 1945 habe Fuß fassen können.

Man ahnt es: Wie die Politik und die Politikwissenschaft wird auch deren Geschichte etlichen Streit provozieren. Das eherne Traditionsbild hat klaftergroße Löcher. Doch dies eröffnet eine der vielleicht interessantesten Perspektiven auf die Politische Wissenschaft: Sie ist von normativer Gestalt, nimmt aus innerer Notwendigkeit zu Wertfragen Stellung, die es in sich haben, und übernimmt in einer Zeit, in der es ums Funktionieren und Fabrizieren geht, eine fast einsame Aufgabe. Bei allem Streit müht sie sich um Maßstäbe eines humanen politischen Systems.

Die Erfahrung des nationalsozialistischen Regimes mit seiner Umwertung aller Werte und seiner offenen Barbarei war denn auch der Gründungsimpuls der modernen deutschen Politikwissenschaft. Der bestimmende Einfluss von Hochschullehrern, die aus Nazideutschland emigriert waren und in den USA eine Politologie der Diktaturanalyse entwickelten, verweist auf einen wichtigen Zusammenhang: Die Orientierung am Westen im Sinne einer kritischen Aufarbeitung autoritärer und nationalistischer Traditionen in Deutschland wurde von den ersten Generationen der Nachkriegspolitikwissenschaft erarbeitet. Namen wie Ernst Fraenkel, Ossip K. Flechtheim oder Richard Löwenthal an der Berliner Hochschule für Politik gehören dazu.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben