Politikwissenschaftler : "Jetzt besser einen politisch versierten Kandidaten aufstellen"

Heinrich Oberreuter ist Politikwissenschaftler an der Universität Passau. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht er über Horst Köhlers Rücktritt und die Folgen.

Herr Oberreuter, können Sie die Begründung für Horst Köhlers Rücktritt nachvollziehen?

In der Tat war die Kritik an Köhler und dem Amt des Bundespräsidenten übertrieben, und zum Teil böswillig. Vor allem, dass er sich nicht an die Verfassung halte oder das er Kanonenpolitik betreibe. Mit ein bisschen historischem Sachverstand hätte man wissen können, dass eine solche Politik zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Und das kann man Köhler nicht unterstellen.

Aber es wurden auch schon andere Bundespräsidenten kritisiert und sind deshalb nicht zurückgetreten.

Das stimmt. Ein Bundespräsident mit 30-jähriger parteipolitischer Erfahrung hätte diese Kritik sicher auch mit einer schneidigen Bemerkung weggewischt und gelassener reagiert. Aber das entspricht nunmal nicht Köhler. Der hat diesen Hintergrund nicht. Aber es gab wenige Bundespräsidenten, die so kritisiert wurden. Heinrich Lübke natürlich. Und am Anfang auch Roman Herzog. Und bei Köhler ist es ja nicht nur das Interview, sondern im Prinzip wurde an der gesamten zweiten Amtszeit genörgelt.

Welche Folgen hat das für zukünftige Bundespräsidenten, müssen die sich an mehr Kritik gewöhnen?

Wahrscheinlich schon. Es ist eben eine andere Zeit als vor zwanzig Jahren. Aber jeder sollte in seiner Kritik ein Maß finden, das eben diesem Amt auch gerecht wird. Gleichzeitig muss die Politik Lehren aus der Causa Köhler ziehen und sich fragen, ob es nun nicht besser ist, einen politisch versierteren Kandidaten aufzustellen.

Das Interview führte Christian Tretbar

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