Politik : Politische Bildung: Junge Demokraten

Uwe Schlicht

Ob man Kinder zur Politik und Demokratie befragen soll, ist umstritten. Aber am Ende der Pubertät wird es interessant. Das Bewusstsein hat sich vertieft. Es gibt gute Gründe, die Vierzehnjährigen zu befragen, und das gleich weltweit. Denn es bleibt nur wenig Zeit, denjenigen, die nach der neunten oder zehnten Klasse von den Schulen abgehen, bis zum 16. Lebensjahr politische Bildung zu vermitteln.

90 000 Vierzehnjährige aus 28 Ländern sind 1999 befragt worden. Erste Ergebnisse wurden jetzt von Professor Rainer Lehmann von der Humboldt-Universität veröffentlicht. Die Vierzehnjährigen zeigen sich über die Grundsätze der Demokratie bereits gut im Bild. In den Ländern Südamerikas, den USA, in Australien, den meisten Staaten West-, Mittel- und Osteuropas sind die Ergebnisse erstaunlich übereinstimmend - egal ob die Länder auf lange demokratische Erfahrungen zurückblicken, oder ob sie diese erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gemacht haben.

Das hat eine Studie der IEA ergeben. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich "The International Association for the Evaluation of Educational Achievement" - eine internationale Organisation, die sich die Bewertung pädagogischer Leistungen zum Ziel gesetzt hat.

Was sagen Vierzehnjährige über die Demokratie? Zumindest so viel, dass ein guter Staatsbürger zu den Wahlen geht, sich an Gesetze zu halten hat. Er vertraut den Gerichten und der Polizei etwas mehr als den Regierungen und begegnet den politischen Parteien eher mit Skepsis.

Wo stehen die Deutschen im weltweiten Vergleich? Während international 80 Prozent der Vierzehnjährigen angeben, als Erwachsene wahrscheinlich oder bestimmt von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen zu wollen, sind dies in Deutschland nur 67 Prozent. Am schlechtesten schnitten hier allerdings die Schweizer Jugendlichen mit 55 Prozent ab.

Immerhin reicht das demokratische Verständnis noch weiter: Die Mehrzahl der Vierzehnjährigen ist im internationalen Vergleich davon überzeugt, die Demokratie könnte dann bedroht sein, wenn reiche Geschäftsleute die Entscheidungen der Regierungen übermäßig beeinflussen, wenn Politiker Druck auf Gerichte ausüben oder die Bürger daran gehindert werden, ihre Meinungen über das politische Verhalten der Regierung frei zu äußern.

Auffallend ist auch, dass die meisten Jugendlichen weltweit positive Vorstellungen mit ihrer nationalen Identität verbinden. In fast allen teilnehmenden Ländern gibt es dieses Vertrauen gegenüber der Nation als einer politischen Gemeinschaft. Aber die "International Association for the Evaluation of Educational Achievement" hat herausgefunden: "Deutsche Jugendliche identifizieren sich in deutlich geringerem Maße mit der eigenen Nation als ihre Altersgenossen aus anderen Ländern".

1971 hatte die IEA die ersten internationale Befragung über die politische Einstellungen in diesem Maßstab organisiert. Was hat sich gegenüber damals geändert? Vor allem eine positivere Einstellung zu den politischen und wirtschaftlichen Rechten von Frauen. In Deutschland war die Zustimmung von Schülerinnen und Schülern zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern noch ausgeprägter als im internationalen Durchschnitt. 90 Prozent der Befragten meinen auch, dass Zuwanderer aus dem Ausland dieselben Rechte auf Bildung haben sollten wie die nationale Mehrheit. Drei Viertel sind der Ansicht, dass Migranten das Recht zugestanden werden sollte, ihre Gebräuche sowie ihre Sprache zu bewahren. Zu diesen Positionen war die Zustimmung unter den Deutschen mit 71 Prozent geringer als im internationalen Durchschnitt, der bei 81 Prozent liegt.

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