Buch zur NSA-Affäre : Wie die NSA zur digitalen Überwachungsmacht wurde

Für die Mitglieder des NSA-Untersuchungsausschusses, der sich heute konstituiert, ist es eine Pflichtlektüre. Marcel Rosenbach und Holger Stark liefern eine Anklageschrift zur NSA-Affäre und zeichnen den Weg in die "totale Überwachung" nach.

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Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2014 09:55Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in...

Es ist 1996 und das ZDF erklärt das Internet. In einem Youtube-Video sieht man, wie im Morgenmagazin ein junger Redakteur in einem etwas zu breit geratenen Sakko erläutert, was eine E-Mail ist und von den „bunten Bildern“ im World Wide Web spricht. Auf die Frage des Moderators, ob er einen Internetzugang brauche, antwortet ihm der junge „Fachmann“: „Diese Entscheidung möchte ich dir nicht abnehmen.“ Gerade so, als sei das Netz eine Gewissensentscheidung.

Und ohne, dass er das damals habe wissen können, dürfte der junge Mann recht gehabt haben. Denn im Juni desselben Jahres erkannte auf der anderen Seite des Atlantiks der amerikanische Geheimdienst NSA sehr viel früher als andere Behörden, Geheimdienste oder Programmplaner, welche Möglichkeiten das Netz bietet – und gab sich ein neues Ziel. Eines, das heute längst erreicht, sogar überholt ist. „Eine Informationsrevolution fegt durch die Welt, die so radikale Veränderungen erzwingt wie einst die Entwicklung der Atombombe. So wie die Kontrolle der industriellen Technologie einst der Schlüssel zu militärischer und ökonomischer Macht während der vergangenen zwei Jahrhunderte war, wird die Kontrolle der Informationstechnologie der Schlüssel zur Macht im 21. Jahrhundert“, schrieb NSA-Direktor Kenneth Minihan in einer Mitteilung an alle Mitarbeiter und formuliert den Anspruch der NSA: die „informationelle Vorherrschaft für Amerika“ zu erreichen.

Die Enthüllungen des Edward Snowden - eine Chronologie
Aktion "Ein Bett für Snowden": Aktivisten werben am 05.06. vor dem Kölner Dom für Asyl für den Whistleblower Edward Snowden in Deutschland.Weitere Bilder anzeigen
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16 Jahre später gilt dieser Anspruch immer noch und die NSA hat alles dafür getan, ihm gerecht zu werden. Das beschreiben die beiden „Spiegel“-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark in ihrem Buch und erläutern, wie folgerichtig alle Programme von Tempora über Prism bis Mystic in diesem Kontext sind. Rosenbach und Stark haben für den „Spiegel“ Einblick in die Dokumente des Ex-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden erhalten und berichten seit Monaten darüber. Ihr Buch ist einerseits Gesamtschau und Überblickswerk zur NSA-Affäre und Pflichtlektüre für die Mitglieder des NSA-Untersuchungsausschusses, der sich heute konstituiert. Es ist aber auch Anklageschrift und eine moderne Version von George Orwells „1984“, nur mit dem Unterschied, dass es dokumentarisch, appellativ und weniger belletristisch ist.

Wie die NSA und GCHQ zur digitalen Überwachungsmacht wurden

Was Rosenbach und Stark dokumentieren ist zudem keine Zukunftsvision, sondern Gegenwart und Retrospektive. Sie beschreiben die Macht der Metadaten, durch die sich nicht nur nachvollziehen lässt, was eine bestimmte Person gerade macht und wo sie ist, sondern die den Geheimdienst auch in die Lage versetzt, Prognosen aufzustellen. Vor allem rekonstruieren die beiden Autoren kenntnisreich den Weg der NSA und auch des britischen Partners GCHQ zur digitalen Überwachungsmacht.

Wie aktuell der 1996 erstmals artikulierte Anspruch noch ist, belegen sie mit einer Selbstdarstellung der beiden Dienste aus einem Snowden-Dokument, datiert auf das Jahr 2012: Dort heißt es, die NSA wolle das „Internet besitzen“. Und die GCHQ begründet ihr massenhaftes und ausgeklügeltes Anzapfen der weltweiten Glasfaserkabel, durch die die digitalen Datenströme fließen, damit, dass sie „das Internet beherrschen“ wollen. Die Ereignisse um den 11. September 2001 spielen dabei eine wichtige Rolle. Noch heute werden sie als Begründung für die Politik der totalen Überwachung durch die NSA herangezogen – dabei ist 9/11, und das zeigen die Autoren, nur eine Art Beschleuniger gewesen. Juristische Schranken, die vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon sogar von der NSA-Spitze gewünscht waren und auf die die Verantwortlichen ihre Mitarbeiter auch hingewiesen haben, fielen anschließend weg.

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