Die Lieblingsfilme des "Führers" : Hitler war süchtig nach Micky Maus

Heute würde man ihn einen "Binge-Watcher" nennen: Adolf Hitler war kein Cineast, aber ein Kinomane. Zum Untergang gab's "Schneewittchen". Jetzt ist eine erhellende Studie über seine Film-Obsession erschienen.

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Noch Anfang 1945 versuchten Gauleiter mit Disneys „Schneewittchen“-Film (1937) dem Untergang für 90 Minuten zu entkommen.
Noch Anfang 1945 versuchten Gauleiter mit Disneys „Schneewittchen“-Film (1937) dem Untergang für 90 Minuten zu entkommen.Foto: Imago

Auch böse Menschen, so lautet eine bittere Erkenntnis des 20. Jahrhunderts, haben Lieder. Manche von ihnen mögen sogar Donald Duck, Kater Karlo sowie Tick, Trick und Track. Am Ende seines Tagwerks, das aus so anstrengenden Angelegenheiten wie der Leitung eines Eroberungskrieges und der Organisation des Holocaust bestand, ließ sich Adolf Hitler abends gerne Filme wie „Dick und Doof als Salontiroler“ oder „Silly-Micky-Wunderwelt“ vorführen. Dass viele Zeichner des Disney-Studios jüdisch und die meisten dieser Filme in Deutschland verboten waren, störte den Diktator nicht weiter. Es ging ihm um Entspannung.

Der Fallada-Film war ihm zu schmutzig

„Hitlers Filmgeschmack erweist sich als genauso rätselhaft und widersprüchlich wie der Rest seiner Psyche“, schreibt Volker Koop in seiner erhellenden Studie über die Kino-Obsession des Despoten. Zwar seien „Wagner und Micky Maus für ihn keine unversöhnlichen Gegensätze“ gewesen, doch bei einigen Themen hörte für Hitler der Spaß auf. „Hinterhausmilieus“, Schmutz, ethnische Minderheiten oder Frauen in Männerrollen wollte er nicht auf der Leinwand sehen. Als ihm 1938 die auf einem Bauernhof spielende Fallada-Verfilmung „Altes Herz geht auf die Reise“ gezeigt wurde, wetterte der oberste Zensor des Deutschen Reiches, der Film sei „viel zu schmutzig“ gezeichnet und ließ ihn auf die Verbotsliste des Propagandaministeriums setzen.

Hitler war ein Kinomane, aber gewiss kein Cineast, auch wenn er Fritz Langs Stummfilmklassiker „Die Nibelungen“ mehr als zwanzig Mal gesehen hat. Er bevorzugte leichtere Kost, Komödien, Revuefilme, Liebesdramen. Als ihm sein Propagandaminister Joseph Goebbels 18 Micky-Maus-Filme schenkte, war er „ganz glücklich über diesen Schatz“. Auf dem „Berghof“, in der Reichskanzlei oder im Münchner „Braunen Haus“ ließ der Staats- und Parteichef bis tief in die Nacht Filme abspielen, oft zum Verdruss seiner Entourage. „Ich habe mir gestern Abend drei Filme ansehen müssen und heute wieder einen“, klagte sein Adjutant Julius Schaub.

Heute würde man Hitler einen "Binge-Watcher" nennen, einen Marathon-Gucker, der von seinen Leinwand-Illusionen genauso süchtig ist wie inzwischen die Fans der amerikanischen Qualitätsserien. Das Buch listet seitenlang Filme auf, die er sich vorführen ließ, eine ermüdende Lektüre. Auch nach Kriegsbeginn wurde Hitlers Filmhunger nicht kleiner. Über die Botschaft im neutralen Schweden ließ er alliierte Filme wie „Vom Winde verweht“ besorgen. Ausländische Produktionen wurden im Dahlemer Reichsfilmarchiv gelagert. Noch Anfang 1945, das belegen die Ausleihlisten, versuchten Gauleiter mit Disneys „Schneewittchen“-Film dem Untergang für 90 Minuten zu entkommen.

Koop stilisiert Hitler zum obersten Lenker der deutschen Filmindustrie, zum braunen Tycoon. Der Diktator hat immer wieder in Zensurmechanismen eingegriffen und für Schauspielerinnen wie Lida Baarová geschwärmt. Aber die Tagesarbeit der Traumproduktion überließ er, wie der Historiker Felix Moeller gezeigt hat, seinem „Filmminister“ Goebbels. Goebbels machte auch die Baarová zu seiner Geliebten.

– Volker Koop: Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Micky Maus verbot. Die geheimen Lieblingsfilme der Nazi-Elite. Bebra Verlag, Berlin 2015. 240 Seiten, 19,95 Euro.

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