Franz Walter über Pegida : Erstaunlich erfolgreiches Protest-Vehikel

Man müsse Pegida durchaus als Untergruppe der „Zivilgesellschaft“ sehen, schreiben Franz Walter und Kollegen in ihrem Buch. Eine Rezension

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Rechtspopulismus, grenzüberschreitend. Der niederländische Politiker Geert Wilders bei einem Pegida-Aufmarsch im April 2015 Dresden .
Rechtspopulismus, grenzüberschreitend. Der niederländische Politiker Geert Wilders bei einem Pegida-Aufmarsch im April 2015...Foto: dpa

Das nennt man lebendige Wissenschaft: Kaum hat sich die verschreckte Öffentlichkeit vom Anblick eines massenweise grollenden, islamfeindlichen Kleinbürgertums erholt, folgt die Analyse des Phänomens Pegida. Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter, die Kollegen Stine Marg und Lars Geiges sowie ein Trupp wissenschaftlicher Mitarbeiter forschten sich mit schnellen, sprich journalistischen Methoden an die Pegidisten heran: Man lief mit Montagsdemonstranten mit, suchte das Gespräch, stellte Fragen, lud zu Online-Umfragen und Gruppendiskussionen. Dazu kamen klassische Umfragen. Im Ergebnis erfährt man frische Details über die Bewegung, die aus einer Facebook-Gruppe entstand und einen kräftigen Eindruck von Aufbegehren, Protest und Zweifeln an der politischen Ordnung der Bundesrepublik vermittelte.

Potenzial der AfD

Auch im (mutmaßlichen) Nachhinein beeindruckt die Entschiedenheit, mit der Angehörige eines kleinbürgerlich-konservativen, nicht dummen Milieus sich die Straßen und Plätze eroberten. Sie ließen Politiker wie Justizminister Heiko Maas („Schande“) und den SPD-Vize Ralf Stegner („das stinkt“) hochmütig und desorientiert erscheinen. Vorübergehend war Pegida ein erstaunlich erfolgreiches Protest-Vehikel einer kleinen Gruppe fremdenfeindlich orientierter Kleinbürger. Die Organisation sprach, wiederum vorübergehend, massenweise Leute an, die sich von der etablierten Politik, vor allem von Union und FDP (sowie den Medien), verlassen fühlen. Es ist das Potenzial der AfD.

Die Analyse der Göttinger Wissenschaftler deutet auf eine Polarisierung der Politik hin. Interessanterweise sind die Pegida- Demonstranten ähnlich unzufrieden mit ihren demokratischen Möglichkeiten wie vor Jahren die Stuttgart-21-Gegner: „In beiden Anhängerschaften bekundeten gut 70 Prozent mit Aplomb die uneingeschränkte Befürwortung für ein plebiszitär gestaltetes Gemeinwesen.“ Man darf gespannt sein, wohin das führt. Walter und Kollegen warnen davor, es sich mit den Pegidisten zu leicht zu machen. Man müsse sie durchaus als Untergruppe der „Zivilgesellschaft“ sehen. Ein ähnliches Milieu, in Frankreich „die Unsichtbaren“ genannt, hat dort den Front National stark gemacht. Pegida mag am Ende sein – Kräfte dieser Art haben für Union und SPD etwas Verzehrendes.

Lars Geiges, Stine Marg, Franz Walter: Pegida – die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft? transcript Verlag, Bielefeld 2015. 207 Seiten, 19,99 Euro.

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