G7-Gipfel auf Schloss Elmau : Wo Merkel zum Tanz bittet

Ende der Gemeinschaft: Dietmar Mueller-Elmau beschreibt den langen Weg seines Hotels nach Westen. Eine Rezension

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Schloss Elmau
Schloss ElmauFoto: dpa

Als Dietmar Mueller-Elmau das Hotel übernimmt, zersägt er als Erstes die großen Gemeinschaftstische im Speisesaal. Es war das Symbol, dass das alte Elmau, mit seinem Zwang zur Gemeinschaft, nun Geschichte sein sollte. Bundeskanzler können Teile der deutschen Geschichte nicht ähnlich leicht absägen, bevor die Gäste kommen. Das wurde offenbar, als Helmut Kohl den amerikanischen Präsidenten über den Gräbern von Bitburg empfing. Angela Merkel mag als Gastgeberin eine weniger aufdringliche Symbolpolitik betreiben, wenn sie den G-7-Gipfel in die bayerischen Alpen verlegt. Doch auch von der Wahl von Schloss Elmau geht eine politische Botschaft aus, und die lautet, dass sich dieses Land – genauso wie das Hotel – verändert hat.

"Refugium weltentrückter Innerlichkeit"

Mueller-Elmau, der Enkel des Gründers, 1954 geboren, beschreibt den Wandel des fast hundert Jahre alten Hotels in einem kleinen Buch: Es ist die Abrechnung mit einer geistigen Tradition, die ihm schon als Kind missfiel, die „ebenso scheinheilige wie politisch totalitäre Idealisierung von Kultur und Gemeinschaft“. Sein Großvater Johannes Müller, ein Theologe, hatte das Hotel als Rückzugsort für das kulturprotestantische Bildungsbürgertum gegründet. Es wurde auch zum „Refugium weltentrückter Innerlichkeit, Gemeinschaft und Hochkultur“, schreibt Mueller-Elmau. An dem gemeinschaftlichen Tanz nahmen natürlich auch die Hausdiener und Kutscher teil. Müller versammelte ein konservativ-liberales Bürgertum, dessen leidenschaftliche Pflege der Hochkultur von einem starken zivilisationskritischen Impetus durchzogen war. Dazu gehörte, wie Müller-Elmau schreibt, die Kritik „an der von Menschen gemachten, individualistischen und pluralistischen angloamerikanischen Moderne und den Juden als Symbol der Freiheit des eigensinnigen und eigenmächtigen Ich“. Johannes Müllers Elmau war dagegen der Überwindung des Ichs gewidmet und damit auch empfänglich für den völkischen Gedanken. Ein Antisemit, schreibt der Enkel, sei Müller gleichwohl nicht gewesen, der „sowohl für Hitler als auch für die Juden eintrat und in Hitler den Retter des deutschen und des jüdischen Volkes sehen wollte“.

Dietmar Mueller-Elmau
Dietmar Mueller-ElmauFoto: dpa

Wie sehr dieses Milieu einem Zeitgeist entsprach, lässt sich an Werner Sombarts kleiner Schrift „Händler und Helden“ von 1915 erkennen, die nur ein Jahr vor der Eröffnung des Hotels erschien und die Mueller-Elmau in einem Nebensatz erwähnt. Darin kontrastiert Sombart den händlerischen Geist de Engländer, für die nur der Kommerz gilt, und den heldischen Geist der Deutschen. Während die Engländer von einer „utilitaristisch-eudämonistischen Ethik“ geleitet seien, ein Leben ohne Ideale führten und ihre Kultur einem „Kommerzialisierungsprozeß“ opferten, seien die Deutschen bereit, Opfer zu bringen. „Indem wir aber den Inhalt unseres Lebens ausschöpfen, geben wir uns in allen unseren Werken auf; und diese Aufgabe unseres eigenen Ichs gibt uns die einzige tiefe Befriedigung, die das irdische Leben bieten kann.“ Sombarts Text, geprägt von der Kriegssituation und einem herablassenden Blick auf die Engländer und der Überhöhung der eigenen Nation („Die Sendung der Deutschen“), argumentiert, dass sich diese Weltanschauungen niemals verbinden lassen und deshalb auch um die Vorherrschaft kämpfen: „Der Weltkrieg entscheidet, welcher Geist sich als der stärkere erweist: der händlerische oder der heldische.“ Sombart ist voller Verachtung für einen Geist, der Kommerzialisierung mit sich bringt und der 1915 mit England, heute aber längst auch mit Amerika in Verbindung gebracht wird. „Händler und Helden“ ist im Kern eine antiwestliche Kampfschrift.

Werner Sombart polemisierte gegen die englische Schwäche für Komfort und Sport

Dietmar Mueller-Elmau beschreibt die Geschichte des Hotels, aber auch seinen eigenen langen Kampf um dessen Führung als eine Abrechnung mit dieser Ideologie seines Großvaters: „Mein Engagement in Schloss Elmau war von Anfang an auch ein politisches Projekt. Ich wollte das ehemalige Idyll deutscher Hochkultur und Zivilisationskritik nicht nur erhalten und modernisieren, sondern auch säkularisieren und amerikanisieren.“ Das ist ihm gelungen. Alle Tische sind zersägt, Schloss Elmau nennt sich heute „Luxury Spa, Retreat & Cultural Hideaway“ und er selbst wurde 2012 zum „Hotelier des Jahres“ gekürt. Geblieben ist das ausgeprägte Kulturprogramm aus Konzerten, Lesungen und Symposien.

Nachdem 2005 im Schloss ein Brand ausgebrochen war, der das Hotel zum großen Teil zerstörte, entstand es fast völlig neu. Damit war quasi die ideengeschichtliche Tradition des Hauses in Flammen aufgegangen, auch wenn sie aus Sicht von Mueller-Elmau, der sein Vermögen in den USA mit der Entwicklung einer Hotel-Software gemacht hat, weiterhin lebendig ist: „Weder die historische Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsbruch noch eine dank der USA über 50-jährige Periode unbekannten Wohlstands in Frieden und Freiheit konnten die Zivilisations- und Kapitalismuskritik am Westen diskreditieren. Das Feindbild Amerika eint in Deutschland Linke wie Rechte.“ Das neue Hotel präsentiert sich dagegen als ein Ort der kulturellen und politischen Westbindung: Werner Sombart, der gegen die englische Schwäche für Komfort und Sport polemisierte, würde sich beim Anblick der luxuriösen Spa-Anlagen bestätigt fühlen.

Dietmar Mueller-Elmau: Schloss Elmau. Eine deutsche Geschichte. Kösel Verlag, München 2015. 158 Seiten, 16,99 Euro.
Dietmar Mueller-Elmau: Schloss Elmau. Eine deutsche Geschichte. Kösel Verlag, München 2015. 158 Seiten, 16,99 Euro.Foto: Kösel Verlag

Angela Merkel hat das Hotel 2005, noch nicht als Kanzlerin, besucht. Die Botschaft, die in ihrer Entscheidung für Elmau als Veranstaltungsort des G-7-Treffen steckt, ist, dass in diesem Land kein politischer Ausdruckstanz mehr veranstaltet wird, sondern berechenbare Interessenpolitik; dass wir mit unserer heldischen Tradition gebrochen haben; dass wir unsere Weltanschauung nicht mehr über die der Amerikaner und Engländer stellen; dass die Deutschen im liberalen Westen angekommen sind. Das ist das Symbol von Schloss Elmau. Die Kanzlerin wird ihren Gästen am Sonntag zeigen müssen, dass das auch wirklich so ist – wenn es um politische Entscheidungen geht. Sonst hätte Merkel den Gipfel ebenso gut im Ibis-Hotel in der Kölner Innenstadt veranstalten können.

Dietmar Mueller-Elmau: Schloss Elmau. Eine deutsche Geschichte. Kösel Verlag, München 2015. 158 Seiten, 16,99 Euro.

Werner Sombart: Händler und Helden. Patriotische Besinnungen. Duncker & Humblot, München/Leipzig 1915. 145 Seiten.

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