"Islamischer Staat" : Terror nach Plan

Vor einem Jahr haben die Dschihadisten ein "Kalifat" ausgerufen. Wie konnte es soweit kommen? Christoph Reuter erklärt den Aufstieg und Siegeszug des "Islamischen Staats".

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So sieht der Erfolg des IS aus: Leerer Strand in Tunesien nach dem Anschlag auf ein Hotel in Sousse. Foto: dpa
So sieht der Erfolg des IS aus: Leerer Strand in Tunesien nach dem Anschlag auf ein Hotel in Sousse. Foto: dpaFoto: dpa

Die Botschaft verbreitete sich in Windeseile. Und sie machte deutlich, wie sicher sich die schwarzen Krieger ihrer Sache waren. Zwar brauchte der Sprecher der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) ein wenig, um auf den entscheidenden Punkt zu kommen. Doch dann übermittelte er in einem leicht singenden Tonfall die Sätze, die den Machtanspruch der Terroristen untermauern sollten und die Welt aufhorchen ließen: Die Sonne des Dschihad ist aufgegangen. Die Zeichen des Sieges sind erschienen. Die Führer des IS haben beschlossen, ein "Kalifat" zu errichten. An dessen Spitze stehe ein Mann namens Abu Bakr al Bagdadi, dem alle Muslime Gefolgschaft zu leisten hätten.

Das war vor genau einem Jahr. Seitdem musste jedem klar sein, dass es sich beim IS um keine simpel gestrickte Truppe marodierender Eiferer handelt. Die Chefs und deren Gefolgsleute schickten sich vielmehr an, ein Gebilde mit quasi staatlichen Strukturen zu errichten – ein Herrschaftsgebiet mit eigener Verwaltung, eigenem Bildungssystem, Steuerwesen und einer auf der Scharia beruhenden Gerichtsbarkeit. In der Geschichte des weltweiten Terrorismus ein einmaliger Vorgang.

Niederlagen? Eine göttliche Prüfung und Ansporn

Inzwischen hat der "Islamische Staat" mehrfach auf skrupellos menschenverachtende Weise gezeigt, dass er es mit seinem Machtanspruch bitterernst meint. Ein totalitäres, auf Expansion und Hegemonie ausgerichtetes Projekt. Die Hoffnung, der ganze Spuk werde sich rasch verflüchtigen, hat sich bislang als realitätsferner Wunschtraum erwiesen. Der IS mag zwar militärische Niederlagen hinnehmen müssen. Doch jeder Misserfolg wird als göttliche Prüfung betrachtet und spornt die Kämpfer deshalb an, an ihrer Mission festzuhalten.

Wie konnte es so weit kommen? Worauf gründet Aufstieg und Erfolg der Terrormiliz? Und: Steckt hinter ihrem Vorgehen womöglich sogar eine Strategie? Die Antworten auf diese Fragen gibt Christoph Reuter. In seinem aufschlussreichen wie spannenden Buch macht der Reporter des "Spiegel" dem Leser bewusst, dass man allein mit fanatischem Kopfabschneiden, mafiösen Geschäften oder dumpfen apokalyptischen Visionen keine Städte, Länder und Millionen Menschen unter seine Kontrolle bringt.

Stasihafter Herrschaftsapparat

Auch der Verweis auf den religiösen Kern des Unterfangens verstellt nach Reuters Ansicht den nüchternen Blick auf die Grundlage des Siegeszugs der Organisation. Denn die besteht aus brutaler Gewalt, kühler Kalkulation, wechselnden Zweckallianzen und vor allem einem stasihaften Herrschaftsapparat. Voraussetzung dafür war "eine hochaufwendige, auf Monate angelegte, diskret ins Werk gesetzte Unterwanderung und Ausspionierung der anarchischen Rebellenszene Nordsyriens. Zunächst ganz friedlich und freundlich, um dann umso erbarmungsloser zuzuschlagen". Auch und gerade im Irak.

Mit Erfolg. "Man kann den ,Islamischen Staat‘ durchfahren, stundenlang." Das wiederum bleibt nicht ohne Wirkung auf gewaltbereite Sympathisanten. Sie fühlen sich ermächtigt, Tod und Schrecken zu verbreiten. Die Anschläge in Tunesien und Frankreich sind nicht zuletzt ein mörderisches Zeugnis dafür, dass die IS-Propaganda verfängt.

Reuter, ein ausgewiesener Kenner des Nahen und Mittleren Ostens, stützt sich bei seiner Beschreibung der Architektur des Islamistenstaats auf einen besonderen Fund. Der Journalist konnte Dokumente einsehen und auswerten, die aus dem innersten Führungszirkel des IS stammen. Verfasst von einem früheren Geheimdienstoffizier unter dem irakischen Diktator Saddam Hussein zeigen die handschriftlichen Organigramme, Listen und Anweisungen, dass es ein stringentes Vorgehen gibt. Dass die "Gotteskrieger" ihren Eroberungszug von langer Hand geplant haben. Und der Oberst mit dem Tarnnamen Haji Bakr war so etwas wie ein Mastermind. Reuter ist sich zudem sicher, dass dessen Vorgaben akribisch umgesetzt wurden. Auch nach seinem gewaltsamen Tod Anfang 2014.

Effektives Spitzelwesen

Ende 2012 war Haji Bakr als Teil eines kleinen Stoßtrupps nach Syrien gereist – mit dem erklärten Ziel, einen möglichst großen Teil des zusehends zerfallenden Bürgerkriegslandes unter Kontrolle zu bekommen. Dazu bediente man sich geheimdienstlicher Instrumente eines Unterdrückungsstaates: Infiltration gepaart mit einem ausgeklügelten Spitzelsystem. Überwachung à la "1984".

Unter dem Vorwand, islamische Missionszentren zu eröffnen, wurden in syrischen Orten Gefolgsleute rekrutiert. Die wiederum sollten die Dörfer ausspionieren, also Material über mögliche Anhänger und Gegner sammeln. Dieses Wissen – Mord wie Entführung eingeschlossen – wurde dann genutzt, um die Herrschaft zu verankern. So entstand nach und nach eine schlagkräftige Untergrundorganisation.

Elite will Masse beherrschen

Doch warum machte ein säkular gesinnter, nationalistisch fühlender Mann wie Haji Bakr gemeinsame Sache mit radikalen Islamisten? Und warum wirken so viele Iraker an dem "Projekt" mit? Reuter hat für das Zustandekommen dieser scheinbar unpassenden Allianz eine Erklärung. "Letztlich trafen sich beide Systeme in der Überzeugung, dass die Herrschaft über die Massen in den Händen einer kleinen Elite liegen sollte, die diesen Massen keinerlei Rechenschaft schuldig sei – sie herrsche ja im Namen eines großen Plans, legitimiert wahlweise von Gott oder von der Glorie der arabischen Geschichte." Diese Kombination von Gegensätzen trage erheblich zum Erfolg des IS bei. Die "schwarze Macht" zu unterschätzen, wäre ein fataler Fehler.

Christoph Reuter: Die schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 351 Seiten. 19,95 Euro.

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