Polen nach dem Krieg : Jahre, die ins Gedächtnis eingeschrieben sind

„Im Labyrinth der Angst befanden sich alle“, meint der Historiker Marcin Zaremba in seinem Buch über das Polen von 1944–1947. Eine Rezension.

Wolfgang Templin
Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 1. September 1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen rot-weißen Schlagbaum an der deutsch-polnischen Grenze nieder.
Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 1. September 1939 reißen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen rot-weißen Schlagbaum...Foto: picture alliance / dpa

Der polnische Historiker Marcin Zaremba betritt mit einer umfassenden Studie historiografisches Neuland. Sein jetzt auch in deutscher Sprache vorliegendes Buch über „Die große Angst“ beleuchtet die Entstehungszeit Volkspolens 1944–1947 aus einer ungewohnten Perspektive. Was konnte geballte, verfestigte Angst bewirken, welche die Menschen in allen Regionen Polens nach den Jahren der deutschen und sowjetischen Okkupation, nach Massenmorden und Kriegsgräueln beherrschte? Wie wurden die Menschen davon geprägt, wie gingen sie damit um?

Marcin Zaremba versucht sich an einer Landkarte der räumlichen und zeitlichen Nachkriegsängste in Polen. Seine Untersuchungen setzen im Sommer 1944 mit dem Erreichen polnischen Territoriums durch die sowjetischen Truppen ein und schließen mit den manipulierten Wahlen zum polnischen Parlament, dem Sejm, im Januar 1947 ab. Danach konsolidierte sich die neue Macht.

In den Westgebieten mussten die Ordnung hergestellt werden

Zaremba geht dabei als Historiker vor, zieht jedoch Erkenntnisse und Methoden zahlreicher Nachbardisziplinen wie der Sozialpsychologie, Kulturwissenschaft, und Soziologie zu Rate. Furcht und noch mehr Angst sind individuelle Phänomene, die aber in der Interaktion und im gesellschaftlichen Raum in Massenpanik, Fluchtwellen und Verzweiflungstaten münden, aber auch ihren Anteil an Gewaltexplosionen wie Überfällen und Pogromen haben. Er greift dabei zum einen auf individuelle, private Dokumente wie Tagebücher, Erinnerungen, Briefe zurück, in denen sich Angst in Erlebnisschilderungen, Stimmungsbildern, Verzweiflung und Ratlosigkeit manifestiert, Gerüchte transportiert und Hoffnungen geäußert werden. Der Autor weiß um die Probleme derartiger Quellen, konfrontiert und ergänzt die subjektiv-individuellen Dokumente mit Pressematerial und amtlichen Unterlagen verschiedenster Herkunft, welche das Verhalten der Menschen und die aktuelle Stimmungslage zum Gegenstand haben. Zur Dokumentation von Ausschreitungen, Übergriffen, Plünderungen und Gewalt zieht Zaremba die Unterlagen der neu formierten Bürgermiliz heran und sichtet erhaltenes Material aus den Archiven des kommunistischen Sicherheitsapparats.

„Im Labyrinth der Angst befanden sich alle“, konstatiert Zaremba, die Kontrollierten und die Kontrolleure, diejenigen, deren Wille und Selbstständigkeit gebrochen werden sollten, und diejenigen, welche sich dieser Aufgabe widmeten. Letztere fürchteten permanent, Gegenstand wechselseitiger Denunziation zu werden und der nächsten Säuberung zum Opfer zu fallen. Militärische Gewalt wirkte sich einschneidend auf die Psyche der Menschen aus. Ab September 1939 waren Polinnen und Polen mit den Folgen der deutschen und der nachfolgenden sowjetischen Okkupation konfrontiert. Massenverhaftungen, Erschießungen von Zivilisten, Deportationen, alltäglicher Terror und Demütigungen prägten das Leben. Die nationalsozialistische Terrorspirale mündete in dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und dem Holocaust, der sich in entscheidenden Teilen auf polnischem Boden abspielte.

Zaremba widmet der Angst vor den Rotarmisten ein eigenes Kapitel und zeigt auf, dass es zumeist nicht die Ankunft und die erste Konfrontation mit den Kampftruppen der Roten Armee waren, welche die stärkste und andauernde Angst auslösten. Die Kampftruppen zogen weiter Richtung Berlin, verstärkt durch polnische Einheiten. Ihnen folgten Spezialeinheiten des NKWD, welche die bereits 1944 einsetzende Demobilisierung der teilweise im Untergrund agierenden polnischen militärischen Einheiten organisierte und überwachte.

In den neu gewonnenen Westgebieten mussten die zivile und militärische Ordnung neu hergestellt werden, liefen Prozesse der Vertreibung, der Um- und Neuansiedlung ab. Hier wurde auch ein Element immer stärker, das Zaremba mit „Phobien und ethnische Gewalt“ charakterisiert. Gewalt, die sich auf Angehörige von Volksgruppen richtete, selbst wenn man ihnen keine Kriegsschuld zumessen konnte oder sie selbst Opfer waren. Bevorzugtes Ziel waren hier die verhassten Deutschen, aber auch Ukrainer, Belarussen und in starkem Maße auch Juden.

Antisemitismus und rechter Antikommunismus trafen sich

In der Entstehungsphase der II. Polnischen Republik, zwischen 1918–1920, verdichteten sich in der Bevölkerung traditionelle Ängste und Abwehr vor russischer Fremdherrschaft und Gewalt zum Bild der drohenden Überwältigung durch die Bolschewiki. Tatsächlicher „Roter Terror“, die drohende Invasion und die erst kurz vor Warschau im August 1920 abgewehrten Reiterarmeen Budjonnys führten zur Verfestigung der Abwehr und des Bewusstseins der Bedrohung. Immer vorhandener traditioneller und volksreligiös aufgeladener Antisemitismus ließen die Bolschewiki und die mit ihnen verbündeten polnischen Kommunisten zu Teilen einer jüdisch-kommunistischen Weltverschwörung werden. Antisemitismus und rechter Antikommunismus trafen sich im Bild der Judäokommune. Damit verbundene Angstfantasien und irrationale Zuschreibungen überdauerten die Kriegsjahre und wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit von rechten Antikommunisten, reaktionärem Klerus und polnischen Kommunisten in verschiedener Weise ausgenutzt und eingesetzt. Bei den Pogromen der unmittelbaren Nachkriegszeit (das größte und bekannteste in Kielce) spielten Ritualmordfantasien – Gerüchte von der Ermordung polnischer Kinder durch Juden – eine entscheidende Rolle. Die Beteiligung polnischer Polizei- und Sicherheitsorgane am Ausbruch der Pogrome ist erwiesen, unklar bleibt weiter, ob diese Beteiligung auf Anweisung und Steuerung von zentraler Stelle erfolgte.

Welchen Anteil die ökonomische Depression und Zerrüttung, Spekulanten und polnische Plünderer an der allgemeinen Psychose hatten, wie sich ein Heer aus Invaliden, Bettlern und Landstreichern formierte, wie stark die Geisel der Arbeitslosigkeit zunächst wirkte, auch dies nimmt breiten Raum bei Zaremba ein. Man kann seinen Schlussfolgerungen nur zustimmen: „Die große Angst endete nicht 1947, sondern schrieb sich in das Gedächtnis des Volkes ein, stärkte die polnische Religiosität, schlug Wurzeln in Gewohnheiten und Bräuchen wie auch im Alltag der Polnischen Volksrepublik.“


– Marcin Zaremba: Die große Angst. Polen 1944–1947. Leben im Ausnahmezustand. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2016. 629 Seiten, 49,90 Euro.

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