Politikszene Washington : Stadt der Schleimer

„Politzirkus Washington“: Der amerikanische Journalist Mark Leibovich hat ein Buch über das Beziehungsgeflecht im inneren Kreis der Macht geschrieben. Eine Rezension

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Der skrupellose Francis Underwood (Kevin Spacey) im Gespräch mit seiner Frau Claire (Robin Wright) aus der amerikanischen Politfernsehserie „House of Cards“.
Der skrupellose Francis Underwood (Kevin Spacey) im Gespräch mit seiner Frau Claire (Robin Wright) aus der amerikanischen...dpa

Washington ist eine wundervolle Stadt. Nicht hektisch und aggressiv wie New York. Eher beschaulich für amerikanische Verhältnisse. Und trotzdem fühlt es sich immer wieder erhebend an, am Weißen Haus vorbeizuspazieren, das Lincoln-Memorial zu besuchen und von dort aus zum Kapitol hochzuschauen. Man ist mittendrin oder zumindest nah an dem Ort, an dem Weltpolitik gemacht wird.

Ein weniger erquickliches Bild von der Stadt zeichnet der Journalist Mark Leibovich in seinem Buch „Politzirkus Washington“. Ihm zufolge ist Washington insbesondere eines: eine Ansammlung hochsensibler, unehrlicher, zum Teil unehrenhafter Schleimer, die sich im Wesentlichen nicht für Politik interessieren, sondern für ihre eigene Bildschirmzeit. Eine Stadt, in der sich „Staatsdiener zu gnadenlosen Alleinvermarktern gemausert“ haben.

Dann säßen 99 Prozent im Gefängnis

Der Starkorrespondent des „New York Times Magazine“ in der amerikanischen Hauptstadt hat dazu ein brillantes Selbstporträt geschrieben. Liebenswert bösartig schildert er sein Leben in der „Hauptstadt der Schleimer“, die zu einem „Celebrity-Industrie-Komplex“ verkommen ist, in dem „männliche Verbundenheitsrituale der Schmierstoff kumpelhafter Hauptstadtbeziehungen“ sind, in denen „jeder sein eigener aufgeblasener Luftballon“ ist.

Leibovich schreibt als Beobachter dieser Szene, aber auch als Teilnehmer, der die Authentizität seiner Schilderungen mit Satzteilen untermauert wie: „da ich dabei war“. Viele seiner Verunglimpfungen beginnen mit den Worten „ich traf“ oder „als ich“. An unzählbaren Cocktailpartys hat er selbst teilgenommen. Gemäß den Gesetzen des Washingtoner Selbstinszenierungsspiels verbindet Leibovich die sarkastische Darstellung seiner selbst und seinesgleichen aber mit Selbstironie. Schließlich gilt: „Wenn es ein Verbrechen wäre, sich bei wichtigen Quellen einzuschleimen, säßen in diesem Augenblick 99 Prozent aller Washingtoner Journalisten im Gefängnis.“

Der Lohn seiner Anbiederung ist die Erkenntnis, dass Vizepräsident Joe Biden, „ein begeisterter Wahlkämpfer (ist), bei dem man sich – anders als bei dem introvertierten Barack Obama – nicht vorstellen kann, dass er jedes Mal zum Desinfektionsmittel greift, sobald er der Menge entkommen ist“. Angesichts der, in Verehrung übergehenden Bewunderung, die ihr in den USA entgegengebracht wird, erfrischt Leibovichs Beschreibung von Hillary Clinton, die ihr „Lächeln wie hart gewordenen Kaugummi“ im Gesicht trägt. Den demokratischen Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, führt Leibovich ein als „ausgestattet mit einer Supermehrheit im Senat und der Anziehungskraft einer vertrockneten Schnecke“. Und über den ehemaligen Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, spottet er: „Wäre Washington ein Comic, Greenspan wäre auf jedem Bild im Hintergrund zu sehen.“

Leibovichs Lästern auf hohem politischen Niveau verschafft allerdings nebenbei auch einen Einblick darin, wie Washington tatsächlich funktioniert. Wie sie alle, Journalisten, Lobbyisten, Politiker und Stabsmitarbeiter, die Eintrittskarte in die Sphäre der Macht ,„The Inner Circle“, „This Town“, „The Club“, erwerben wollen. Wie sie alle der nötigen Währung nachjagen, und die heißt: Beziehungen. Deshalb ist das, was Leibovich beschreibt, Politik – eine bestimmte Art von Politik zumindest.

The clusterfuck

Obamas Leute hatten im Wahlkampf weniger vornehme Worte für das Beziehungsgeflecht im inneren Kreis der Macht. „The clusterfuck“ hieß das bei Wahlkampfmanager David Plouffe. Und der Präsident, für den „Speichellecker jämmerlich sind“, ist zwar Gast vieler festlicher Abendessen; allerdings nur, wenn die anderen Gäste fünfstellige Dollar-Beträge zahlen, um mit ihm 20 Minuten im selben Raum zu verbringen. Dann nämlich verschwindet er zumeist wieder vom Spendendinner. Die Cocktailpartys Washingtoner Persönlichkeiten sind bei ihm nie Teil der erweiterten Persönlichkeit geworden. „Widersteht dem Goldrausch“, war das Mantra, das Obama ausgab, als er mit seiner dynamischen Jungstruppe ins Weiße Haus einzog. Die Welt der Obamas hat bis heute offenbar recht wenig Stoff für Leibovichs stilvollendete Bösartigkeiten hergegeben. Dafür erfährt man über die Obama-Wahlkämpfe eine ganze Menge: trockene Politikware.

Standardwerke über das politische System der USA gibt es vielleicht schon in ausreichender Zahl. Und die Bücher über die Präsidentschaft von Barack Obama stehen längst in den Regalen; auch wenn Leibovich bezweifelt, dass sie wirklich gelesen werden. Buchlesen auf Washingtonisch sehe anders aus. Man schlägt im Register nach, ob der eigene Name auftaucht – und wenn ja, ob in vorteilhaftem Kontext. Jenen, die jenseits von Luftschlägen in Syrien, dem Showdown mit Wladimir Putin, der NSA-Affäre oder der drohenden Weltwirtschaftskrise wissen möchten, wer in Washington mit wem, wann, wo und insbesondere warum, für die hat der Journalist Mark Leibovich jetzt ein Standardwerk geschrieben. Und trotzdem wird er sicher auch weiterhin seine Einladungen bekommen.


Mark Leibovich: Politzirkus Washington. Wer regiert eigentlich die Welt? Mit einem Vorwort von Nikolaus Brender. Sagas Edition, Stuttgart 2014. 464 Seiten, 19,99 Euro.

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