Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ : Alltag des Mordens

Entgrenztes Mordprogramm: Zum Erscheinen des 8. Bandes der Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ (VEJ).

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Trauerfeier zum 70. Jahrestag der Zerstörung des Minsker Ghettos 2013.
Trauerfeier zum 70. Jahrestag der Zerstörung des Minsker Ghettos 2013.Foto: dpa/p-a

Mit diesem Band erreicht die Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ (VEJ) das Kerngebiet des Völkermords, Weißrussland und die Ukraine. In der Systematik der Edition firmieren die beiden Länder als „Sowjetunion mit annektierten Gebieten II“ und gehören in den Kontext des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion als Ganzes. Doch kulminiert – neben Polen – in den beiden Gliedstaaten der Sowjetunion der Mordfuror des NS-Regimes.

Hier mehr noch als anderenorts verschwimmen die Unterscheidungen zwischen SS, Zivilverwaltung und Wehrmacht. Ungeachtet der für den NS-Staat so typischen Kompetenzstreitigkeiten „lag die Federführung in diesem Bereich (gemeint: der Judenpolitik) bei den Dienststellen der General- und Gebietskommissare, wo die Referenten der verschiedenen Abteilungen für Politik, Arbeitseinsatz, Wirtschaft, Finanzen usw. von sich aus die entsprechenden Initiativen ergriffen. Inhaltlich gab es mit den Angehörigen der SS ohnehin kaum Differenzen“, schreiben die Bearbeiter des achten Bandes, Bert Hoppe mit Imke Hansen und Martin Holler, in der wie gewohnt inhaltsgesättigten Einleitung: „Die deutschen Besatzer operierten anfangs mit verschiedenen Maßnahmen und radikalisierten ihre Politik dann immer rascher.“

Mustergültig erschlossene 294 Dokumente

Die bevorzugte Maßnahme war, wie bereits im Generalgouvernement, dem besetzten Polen, die „Ghettoisierung der Juden, also das Einpferchen in abgetrennte Wohnviertel“. Das größte Ghetto entstand mit 80 000 Menschen in Minsk. 1942 begann eine zweite Mordkampagne in Weißruthenien und im Reichskommissariat Ukraine: Inzwischen hatten die deutschen Besatzer „mit den stationären Dienststellen der Besatzungspolizei die dafür notwendige Infrastruktur geschaffen“. RSHA-Chef Reinhard Heydrich reiste selbst nach Kiew und Minsk, um die Mordaktionen zu begutachten. In einer letzten Phase wurden seit Anfang 1943 „die jüdischen Insassen der Arbeiterlager getötet“.

Nicht verschwiegen wird in den, durch mehrere Register mustergültig erschlossenen 294 Dokumenten des Bandes, dass die einheimische Bevölkerung sich ambivalent verhielt: „Selbst wenn die meisten dieses Verbrechen verurteilten, so wollten viele doch von den Besitztümern der verfolgten Juden profitieren.“ In einem deutschen Bericht vom November 1942 heißt es – es ist unfasslich – : „Die Judenumsiedlung hat ein großer Teil der Bewohner dazu benutzt, sich in schamloser Weise zu bereichern. Es fehlt eben die Achtung vor fremdem Eigentum, auf der anderen Seite ist kein Verständnis für die Gründe der Durchführung der Judenumsiedlung.“ Diese „Durchführung“ bestand in den Mordaktionen; hinzu kamen die gefürchteten Deportationen von Zwangsarbeitern ins Deutsche Reich.

Über die Ermordungen berichteten SS-Männer völlig ungerührt. So heißt es über die Auslöschung des Ghettos Pinsk 1942: „Kranke Juden und einzelne, in den Häusern zurückgelassene Kinder wurden sofort im Ghetto auf dem Hofe exekutiert. Im Ghetto wurden ca. 1200 Juden exekutiert. Zu Zwischenfällen kam es bis auf einen Fall nicht.“

„Die letzten Minuten! Und wir sollen sehenden Auges in den Tod gehen“

„Jede Herrschaft äußert sich und funktioniert als Verwaltung“, hat Max Weber festgestellt, und nirgends ist dies furchtbarer bestätigt worden als in der deutschen Besatzungsherrschaft im Osten. Da liest man in einem Schriftstück des „Referats Vermögensverwaltung“ in Weißrussland: „Bei der Verwaltung des beweglichen Judenvermögens ist versucht worden, Klarheit in die vorhandenen Bestände zu bringen, weiter zu erfassen, geordnete Lagerbücher anzulegen, die Preise nach gründlicher Überlegung festzusetzen und die Verwertung zu organisieren.“ Das Böse ist selbst da, wo es banal scheint, schlichtweg monströs.

Wie in der VEJ üblich, sind die Dokumente chronologisch nicht unbedingt nach ihrer Entstehung, sondern nach den geschilderten Ereignissen geordnet. Mitteilungen der Besatzungsorgane mischen sich mit erschütternden Zeugnissen der Opfer. „Wir und die Kinder, so feine, wohlgeratene Kinder, liegen in unseren Kleidern und warten auf den Tod“, schreiben Mordechai Chavin und Sima Chischtschen im Juli 1942 in ihrem Abschiedsbrief: „Die letzten Minuten! Und wir sollen sehenden Auges in den Tod gehen.“ Und doch gab es zur gleichen Zeit Widerstand: „Der Gedanke, eine jüdische Kampfgruppe zu schaffen, wirft einen Lichtstrahl in unser heutiges, finsteres Leben, gibt uns den Glauben an ein ,Morgen‘.“

All das konnte nur geschehen – so das Resümee der Bearbeiter – in einem „Raum jenseits des mitteleuropäischen Blickfelds, in dem das schon vor dem Angriff angedachte Mordprogramm … binnen weniger Wochen gänzlich entgrenzt wurde“.

Bert Hoppe mit Imke Hansen und Martin Holler: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland. Band 8. De Gruyter/Oldenburg, Berlin 2016. 762 Seiten, 59,95 Euro.

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