Stalin-Biographie : Terror als Prinzip

Der russische Historiker Oleg W. Chlewnjuk wagt eine neue Biografie des Sowjetdiktators Stalin. Eine Rezension.

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Stalin im Kreml (n. d.).
Stalin im Kreml (n. d.).Foto: AFP

Zu Lebzeiten ließ sich der 1878 geborene Stalin im Film von einem besser aussehenden Schauspieler darstellen, dessen Gesicht schließlich bekannter war als das des Diktators selbst. Auch politisch zog er es vor, sich hinter einem Größeren zu verbergen: Lenin, dem unbestrittenen Führer der Revolution, der am Ende seines Lebens vor dem bereits zum Generalsekretär der bolschewistischen Partei aufgestiegenen Stalin gewarnt hatte – und damit diejenigen, die sich später auf Lenins „Testament“ beriefen, der Vernichtung durch den rachsüchtigen Georgier auslieferten.

Stalin, der „Stählerne“, wie sich Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili seit 1912 zur Tarnung nannte, besaß ein exzellentes Gedächtnis, und Schmähungen oder auch nur Abstimmungsniederlagen der Frühzeit vergaß er nie. Zudem war er „grausam und mitleidlos veranlagt“, wie sein Biograf Oleg W. Chlewnjuk schreibt: „Von allen verfügbaren Methoden zur Lösung politischer, sozialer und wirtschaftlicher Konflikte bevorzugte er den Terror, und er sah keinen Grund, sich dabei zu mäßigen.“

„Der Staat hatte das uneingeschränkte Recht, jedes Opfer von seinen Bürgern zu fordern“

Das ist hinlänglich bekannt und beschrieben. Braucht es eine weitere Biografie, auch wenn ihr der Autor „bescheidenen Umfang“ attestiert, und das bei 510 reinen Textseiten? Dafür spricht, dass der 1959 geborene Chlewnjuk seit über zwanzig Jahren die nach dem Ende der Sowjetunion geöffneten Archive durchforstet – einige aus dem innersten Zirkel der Macht sind noch immer verschlossen – und als einer der besten Kenner der zahllosen und oft kryptischen Dokumente gelten darf. Chlewnjuk ist bemüht, die Geschichte von Leben und Handeln des Diktators abgeklärt zu schildern, weder anklagend noch entlastend, weder reißerisch als Schurkenstück noch die Person in Sozialgeschichte auflösend.

Um Stalins Handeln zu verstehen, nennt Chlewnjuk die Grundkonstante seines Denkens: Für den „Woschd“, den seit seinem (offiziell) 50. Geburtstag 1929 dergestalt gehuldigten „Führer“, bildete „der Staat, den die Bolschewiki schufen“ – verstanden als die Gesamtheit aller Apparate und Bürokratien – „ein Absolutum“. Absolut bedeutete, „der Staat hatte das uneingeschränkte Recht, jedes Opfer von seinen Bürgern zu fordern, auch ihr Leben. Der Staat war in seinen Maßnahmen keinerlei Beschränkungen unterworfen, da er die ultimative Wahrheit des historischen Prozesses verkörperte“. Chlewnjuk schreibt diese Sätze fast beiläufig hin, dabei ziehen sie die Quintessenz aus dem, was an Darstellung der drei Jahrzehnte währenden Machtvollkommenheit Stalins folgt. Nur so wird der beständige Terror als Grundprinzip allen Staatshandelns plausibel, mit dem „Großen Terror“ der Jahre 1937/38 als blutigem Höhepunkt. Nicht die Ideologie, so stark sie bei Stalin auch ausgeprägt sein mochte – ein „extremer Antikapitalismus“ –, liefert die letztgültige Erklärung, sondern die unbedingte Erhaltung des in seiner Person verkörperten Staatsapparats.

Bereits 1927, als es noch eine durchaus starke, wenngleich zersplitterte Opposition gab, forderte Stalin, „revolutionäre Maßnahmen zur völligen Zerstörung der Zellen der Monarchisten und Weißgardisten in allen Teilen der UdSSR zu ergreifen“. Als Maßnahmen empfahl Stalin Geiselnahmen und -erschießungen, die politischen Gegner seien „mit allen Mitteln sofort zu liquidieren“. Das entsprechende Telegramm findet sich im Russischen Staatsarchiv in Moskau, an dem der Autor seit 1994 arbeitet; wie überhaupt weitaus mehr Dokumente vorhanden sind, als die ältere Forschung je für möglich gehalten hatte. Eine Fehlstelle sind allerdings die Aufzeichnungen aus Stalins persönlichem Büro im Kreml. Die tagesgenaue Beobachtung des Herrschaftsapparats, wie er sie bereits 1996 in seinem exzellenten Buch über das Politbüro in den dreißiger Jahren vorgelegt hatte, wiederholt Chlewnjuk in seinem neuen Buch bedauerlicherweise nicht.

Selbstmord seiner Frau Nadeschda Allilujewa

Die Schwierigkeit einer jeden Politikerbiografie, das offizielle Handeln mit dem privaten Leben zu verschränken, löst Chlewnjuk allerdings auf originelle Weise. Er stellt zwei Ebenen nebeneinander: „Die eine Ebene untersucht die Persönlichkeit Stalins und sein Regierungssystem vor dem Hintergrund seiner letzten Tage; die andere, eher konventionell chronologische, folgt den wichtigsten Stadien seiner Biografie der Reihe nach.“

Zur Familiengeschichte Stalins, insbesondere den nie ganz aufzuklärenden Umständen, die zum Selbstmord seiner Frau Nadeschda Allilujewa mitten im Kreml im Jahr 1932 führten, vermag Chlewnjuk keine neuen Funde beizutragen. Überhaupt bleibt das Leben „am Hof des roten Zaren“ eher nebensächlich, anders als in der mit ebenso erhellenden wie bizarren Details aufwartenden Sensationsdarstellung des englischen Historikers Simon Sebag Montefiore von 2003. Gelegentlich muss Chlewnjuk auf die bekannten, von der Forschung kritisch beurteilten Schilderungen der Tochter Swetlana zurückgreifen, insbesondere zum Tod ihres Vaters am 5. März 1953.

Ungeachtet aller Archivfunde lassen sich zentrale Fakten noch immer nicht dingfest machen. So heißt es über die forcierte Industrialisierung des Ersten Fünfjahresplans: „Bis heute gibt es über das Ausmaß dieser Verluste“ – an Material und Ressourcen – „keine zuverlässigen Schätzungen – anders als zu den Folgen eines anderen tragischen Resultats des Großen Sprungs: der Großen Hungersnot. Sie erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 1932, ging 1933 zu Ende und forderte fünf bis sieben Millionen Todesopfer. Millionen weitere Menschen erlitten gesundheitliche Dauerschäden ... Keine Statistik kann die psychischen und moralischen Auswirkungen der Hungersnot erfassen.“ Anders als die gängige Interpretation des „Großen Umschwungs“ als einer Modernisierungsdiktatur urteilt Chlewnjuk: „Das größte Problem mit Stalins Fünfjahresplan war jedoch, dass er die Industrialisierung in einer Weise vorantrieb, die ebenso ineffizient wie katastrophal war.“

Stalins Rolle im „Großen Vaterländischen Krieg“ lässt sich noch immer nicht exakt aufschlüsseln

Es gibt verdienstvolle Klärungen, so zur Ermordung des Leningrader Parteiführers Sergei Kirow 1934. Chlewnjuk räumt mit der Legende einer geheimen innerparteilichen Opposition wie überhaupt Kirows als möglichem Rivalen Stalins auf. In seiner Sicht ist Kirows Ermordung ziemlich die einzige, die Stalin nicht geplant und inszeniert hat – sehr im Unterschied zum daraufhin schrittweise entfesselten „Großen Terror“. Für dessen Ausmaß macht Chlewnjuk mitnichten vorauseilenden Gehorsam der Funktionäre verantwortlich, wie manche Sowjetologen als Erklärungsmuster anbieten, sondern Stalin ganz allein. Interessant ist die Schilderung des von Misstrauen zerfressenen Diktators vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs, der Stalins Furcht vor westlicher Einkreisung und Spionage zu schierer Paranoia steigerte.

„Ein wichtiges Ergebnis des Großen Terrors war eine dramatische Machtverschiebung im Politbüro“, bilanziert Chlewnjuk und nennt allein fünf Mitglieder des obersten Führungszirkels, die erschossen wurden. Doch bei der Umorganisierung der Macht hin zu den informellen Gruppen der „Fünf“ oder der „Sechs“, die gleichwohl absolute Autorität beanspruchten, fehlt Chlewnjuk das letzte Detail dieser Mechanismen. Allzu oft liest sich seine Darstellung als ein „Es war so, weil es so war“. Das Nachrücken einer jüngeren, nicht mehr in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren herangewachsenen, dafür aber gut ausgebildeten Generation wird konstatiert, doch in seiner Bedeutung für Struktur und Kohäsion der Sowjetgesellschaft nicht weiter gedeutet. Die umfangreiche Literatur zur Soziologie der Stalinzeit, für die vor allem Sheila Fitzpatrick steht, bleibt in Chlewnjuks Erzählung ausgeblendet.

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 592 Seiten, 29,99 Euro.
Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 592 Seiten, 29,99 Euro.Foto: Siedler Verlag

Stalins Rolle im „Großen Vaterländischen Krieg“ lässt sich mangels Freigabe der militärischen Archive noch immer nicht exakt aufschlüsseln. Dass er für viele Fehlentscheidungen und damit für den Tod hunderttausender Soldaten die Verantwortung trägt, kann Chlewnjuk nur aufs Neue bekräftigen.

Braucht es also diese neue Biografie? Durchaus, wenn es um eine flüssig geschriebene, im besten Sinne lesbare Darstellung geht. Und doch war Chlewnjuk in der Analyse der dreißiger Jahre in seinem älteren Buch weiter, mochte dies auch wegen unzähliger Dokumentenzitate und Namensnennungen weit trockener sein. So bleibt in der jetzigen Biografie letztlich unerklärt, wie Stalin – und seine unbeschränkte Machtfülle – möglich waren. Vielleicht ist es gerade darum eine kluge Strategie des Autors, das schwer fassbare, jenseits der Politik kaum vorhandene Leben des Georgiers von seinem erbärmlichen Tod in der Moskauer Datscha her zu erzählen. Und eine Bilanz aus Sicht der Sowjetbürger zu ziehen, von denen Millionen noch am Ende seiner Herrschaft in Baracken hausten und unter Mangelernährung litten.


Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie. Siedler Verlag, München 2015. 592 Seiten, 29,99 Euro.

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